Schach as Schach can
Eine Studie zu einem herausragenden Schachereignis
Bei einer Privatschachveranstaltung in der Dienstvilla des Mäzens und Großindustriellen PL (der Name tut hier nichts zur Sache) fand folgende denkwürdige Schachpartie statt, die nach Meinung mehrerer Meister große Chancen hat, unter die zehn schönsten Partien seit Anbeginn des Schach aufgenommen zu werden. Gegenüber saßen sich PL, der gerade aus Mannheim kam, wo er die Geschicke seines Konzerns in mehrstündigen Konferenzen wieder einmal zum besten wendete und der damalige Champ vom Landreiter Weg (Britz-Süd), Graf Linstroem. Jeder hatte seinen Sekundanten zur Seite. PL einen seiner Hausdiener, der wenig vom Schach verstand, dafür aber einiges von Getränken. Graf Linstroem hatte seinen Sekundanten mitgebracht, einen aktiven Spieler, Kühlpowski, den damaligen Meister des Warteraums der U-Bahn-Station Alt-Mariendorf. Sie spielten die sehr schwierig zu behandelnde Ohio-Eröffnung, bei der in der Regel weinselige Stellungen entstehen, die nur mit großem Durst zu bewältigen sind. Die Notation und die Anmerkungen, die leider Gottes erhalten geblieben sind, machte der oben erwähnte Kühlpowski, der direkt nach Fertigstellung seiner Aufzeichnungen von einem weißen Transportlieferwagen abgeholt wurde.
| WEISS | SCHWARZ |
| P L | Graf Linstroem |
| Ohio-Eröffnung | |
Weiß fing psychologisch geschickt an, indem er erstmal seine Figuren gerade rückte. Dabei stellte er fest, daß die Sekundanten die Läufer-Springer-Positionen vertauscht hatten und machte zuerst die Beamtenrochade. Schwarz war nun im Zugzwang und mußte seinerseits Läufer und Springer umstellen. Daraufhin sagte Weiß »0h!«, Schwarz entgegnete »Hei!«, was bei Weiß wiederum ein erstauntes »0h!« hervorrief. Das ist die eingangs erwähnte Ohio-Eröffnung.
Nachdem nun beide Spieler gesehen hatten, daß sie es nicht mit Anfängern zu tun hatten, erfolgte nach einer Knorpelspülung mit feinstem Calvados schon der erste Angriff:
| 1. e2-e4 |
Schwarz hatte jetzt die Wahl. Leitete er mit c7-c5 direkt ins Endspiel über (was nach einer Partie des Hauswarts Kowalski aus der Pariser Straße gegen einer unbekannten Rentner, Messeplatz 1934) als remisverdächtig gelten muß) oder erhält er sich alle Chancen durch e7-e5?
| 1. . . . | e7-e5 |
Die nächsten Züge werden mehr aussagen!
| 2. Sg1-f3 | Sb8-c6 |
| 3. Lf1-b5 |
Schwarz überlegt 22 Minuten, steht auf, schiebt den Stuhl weg und dreht sich um. Dann greift er mit dem linken Arm nach hinten und zieht
| 3. . . . | Sg8-f6 |
Zweifellos ein psychologischer Trick. Aber auch Weiß hat etwas auf der Palette und setzt diese Art der Kriegsführung fort. Er schließt die Augen, hebt den rechten Arm und zieht blind
| 4. 0-0 | f6xe4 |
| 5. Tf1-e1 |
Die jetzt erreichte Stellung ist nicht ganz so gut wie der kredenzte Calvados, der sich leider schon langsam seinem Ende zuneigt. Vielleicht deshalb macht sich eine gewisse Müdigkeit bei PL im Moment bemerkbar. Schwarz überlegt jetzt über eine dreiviertel Stunde, bevor er den selbstverständlich erscheinenden Zug macht.
| 5. . . . | Se4-d6 |
Lauernd blickt der Graf nun zu PL herüber, der auf seinem maßangefertigten Sessel eingeschlafen zu sein scheint. Vorsichtig schiebt er mit seiner kalten Zigarette seinen Turm in Richtung auf ein undeckbares Matt. Das wäre die Entscheidung gewesen.
PL springt auf und bezichtigt den Grafen des Falschspiels, eine Redewendung. die diesen nicht nur verstimmt, sondern auch aufspringen läßt. Dabei wird das Brett umgeworfen. Kühlpowski beruhigt beide Kontrahenten, was diese veranlaßt, gemeinsam gegen diesen vorzugehen. Nachdem Kühlpowski am Boden liegt, rekonstruieren PL und der Graf das bisherige Spiel und stellen die Figuren wieder auf.
Der Sekundant bringt eine Flasche Selters, man betupft sich mit der Flüssigkeit den Haaransatz und nach einem Schluck aus der neuen Chivas-Flasche geht es weiter mit
| 6. Sb1-c3 | Sd6xb5 |
| 7. Sf3xe5 |
Nach 7.. Sxc6 Le7, 8.. Sxe7 Sxd1, 9. Sg6+ hätte die Partie sicherlich einen anderen Verlauf genommen. Jetzt ist der Graf ratlos. Auf h7 folgt bestimmt f6 und auf f6 h7!
Er beschließt, langsam den Mattangriff einzuleiten. Er weiß nur noch nicht genau, wessen.
| 7. . . . | Sc6xe5 |
Schon jetzt kämpft Weiß mit dem letzten Schluck Chivas, denn dieser ist nun alle. Während die glasigen Augen versuchen, überhaupt noch was zu erkennen, erteilt er seinem Sekundanten Anweisungen eine Flasche Remy auf den Tisch zu stellen. Auf diese Weise hat schon einmal (1979 am Swimmingpool Landreiterweg Linstroem gegen Kühlpowski) Weiß in der gleichen Stellung die Partie für sich entschieden.
| 8. Te1xe5+ | Lf8-e7 |
| 9. Sc3-d5 | O-O |
| 10. Sd5xe7 |
Alleine für den letzten Zug brauchte Weiß fast 25 Minuten. Davon gingen aber allein 6 Minuten ab bei dem Versuch, sich eine neue Zigarette anzustecken. Der herbeigeeilte Sekundant beendete den Versuch erfolgreich.
| 10. . . . | Kg8-h8 |
| 11. Dh5 | g7-g6 |
In dieser Stellung zog der Kradmelder Walter Knurpschinski 1943 in einer Fernschachpartie gegen die Pioniere des IV. PzAufkl-Korps, Heeresgruppe Mitte, T h5. Leider ist die Antwort darauf in den Kriegswirren verloren gegangen.
| 12. Dh5-h6 | Te8 |
Die Verteidigung des Grafen kann man nur als mittel- bis weichnäckig betrachten. Schon der einfache Zug aus einer bereitstehenden Bierflasche wäre besser gewesen.
| 13. Te5-h5 | g6xh5 |
Erst jetzt erkannte der fast vollständig wieder hergestellte Kühlpowski die Sinnlosigkeit dieser ganzen Partie. Er wurde aber durch ein röhrendes »Prost« des Grafen davon abgehalten, seine Erkenntnis mitzuteilen.
Nun folgte ein denkwürdiger Augenblick:
Jeder der beiden Spieler, die durch das gleichzeitige Absetzen des
Glases in der Zugfolge durcheinandergekommen waren, ergriff seine Dame.
Sie stellten ihre Dame ebenso gleichzeitig vor den feindlichen König
| 14. Dg7 | Dg2 |
und riefen: »Matt!« Dann standen sie auf, schüttelten sich gegenseitig die Hand und Linstroem sagte: »Mann, daß Du das noch geschafft hast, unwahrscheinlich ...!« während PL antwortete: »Gerade eben hatte ich gemeint, ich habe Dich, gratuliere!«
Alles in allem eine Partie, die nicht ohne Folgen auf die Theorie bleiben kann. Ein herrliches Gefecht zweier Spitzen- Schachspieler, die nach dem Händeschütteln schnarchend auf ihren Sesseln zusammengebrochen sind.
Kühlpowski beendete seine Aufzeichnungen, sprang dann auf und rannte schreiend durch die Villa, bis das Personal der Frühschicht einen Notarztwagen holte.