Ein schöner Abend
Ein Bericht direkt vom harten Kern
Aus der Schachzeitung Nr. 3, 1989
Einer der treuen Schachfans ist auch unser Freund Fritz. Seine ganzen Kinder waren schon im Schach. Eines war Bambinomeister, die Mädchen spielten auch gut mit. Und eines Freitags gegen Mitternacht wollte Fritz mal unbedingt über den Leistungsstand der Sprößlinge aufgeklärt werden. Also kam er in die Mehrzweckhalle, wo der Schachclub gerade die Pforten schließen wollte. Der Abteilungsleiter allerdings hat für solche Gespräche immer Zeit. Da aber die Mehrzweckhalle eine viel zu nüchterne Umgebung ist, wollte man woanders hin. Und es gab auch noch eine gute Adresse: Mitten im Wald ist ein Wirtschaft, die immer noch offen hat, wenn alles andere bereits zugemacht hat. Das ist die Wirtschaft auf dem Daubenborner Hof, die Einheimischen sagen Dauborner Hof. Als hier in der Gegend noch alles Urwald war, so ungefähr vor 200 Jahren, muß irgend jemand auf einer Lichtung eine Hütte gebaut haben, das wurde dann im Laufe der Zeit ein größeres Anwesen mit mehreren Höfen, das eben nur ein bißchen abgelegen ist. Zu diesem Anwesen kam eine Wirtschaft. Gegen diese Wirtschaft ist die Kreuzberger »Feuchte Welle« eine noble Gaststätte (gewesen). Sogar der Neuköllner »Blaue Affe« genügt(e) dagegen höheren Ansprüchen.
Und nun zur Story. Die beiden kommen, schon mit etwas Standgas, in diese verräucherte Kneipe und sind gleich mitten im Volk. Inmitten dieses Volkes, in einer Art nicht abgetrenntem Nebenraum, stand ein kleiner Fernseher und auf diesem lief ein Film, den ein amerikanisches Filmteam gerade über dieses Gehöft gedreht hatte. Beide hatten in der Woche davor diese Amerikaner, die für irgendeine Feuilletonsendung drehten, schon einmal flüchtig gesehen, begrüßten diese also als »uralte Bekannte«. Der Kameramann der Amerikaner konnte sehr gut Deutsch. Daher wußten beide in kürzester Zeit, daß das heute sozusagen die Abschlußfeier der Dreharbeiten war. Deswegen war auch ein riesenhaftes Spanferkel, von dem kaum was fehlte, auf einem Nebentisch aufgebaut.
Im Laufe der folgenden zwei Stunden sahen sich die beiden Fischbacher das Filmmaterial an (aus dem dann im Studio ein Beitrag von etwa 2 Minuten werden würde. Nebenher verhandelte der Abteilungsleiter wegen eines Filmes über den Schachclub Fischbach und trank mit Fritz an der Theke einige Schoppen. So nebenbei, damit die Lippen feucht bleiben.
An der Theke ist immer was los. An irgend einem Abend stand mal einer an der Theke und sagte plötzlich: »Wollen wir wetten, daß ich keine Unterhosen anhabe? Bevor noch irgendeiner reagieren konnte, hatte er den Hosenstall schon offen und man konnte es sehen. Hätte er ein wenig gewartet, hätte er bestimmt mindestens ein Bier gewonnen. So hatte aber keiner Zeit gehabt, die Wette gelten zu lassen. Oder an einem anderen Abend: An der Theke schläft auf einer auf dem Barhocker ein, es ist ja auch schon wieder sehr früh. Plötzlich kriegen die Umstehenden mit, daß er um seine Sitzfläche herum nass und nässer wird. Wer weiß, von was der träumt. »Mensch, kann der nicht rausgehen?«, fragt einer der Umstehenden. Gleich wird er von einem anderen Einheimischen angegiftet: »Laß bloß den Kleinen in Ruhe, des is ja schließlich dem seine Hose!!!« - Nun denn, das gehörte eigentlich überhaupt nicht her, das waren ganz andere Abende.
Der Abend jetzt ging anders weiter. Die Amis wollten langsam die Zelte abbrechen. Zumal sich jetzt der Schachmanager, der Kameramann und der Teamchef einig waren, daß der nächste Film mit dem Thema LOKALES in Fischbach beim Schachclub gedreht wird. Von der tragenden Idee ( waren alle sehr begeistert. Der Teamchef machte sich vor Lachen fast in die Hose, wozu die Art von Englisch, die der Schachmeister spricht, bestimmt einiges beitrug. Es ging um folgendes: Das Team sollte die (fiktive) Story filmen, warum es in diesem Jahr keinen Fischbacher Meister gibt. Anfangs werden beide Meisteranwärter (gespielt von Fritz und JK) in den Turniersaal geführt. An jedem hängt eine Traube Fans, die Mühe haben, ihren Champ zu besänftigen und zu halten, weil sie sich aufeinander stürzen wollen. Dann nehmen beide vor ihrem Brett Platz und blicke auf die Figuren. Das sind immer kleine Jägermeister-, Chantre-, Kümmerling- Wodka- oder Obstlerflaschen. Je nach Farbe und Figurenart. Dann ziehen sie beide. Irgendwann wird die erste Figur geschlagen und muß ausgetrunken werden. Nach einem Damenopfer, gefolgt von einem tumulthaften Figurentausch sind beide Spieler nicht mehr in der Lage, die Partie fortzusetzen.
Das war also erledigt. Jetzt mußte nur noch das Spanferkel gekillt werden. Fritz und JK waren ganz Ohr. An dieses Spanferkel war im Laufe des Abends kaum jemand rangegangen. JK fragte also gestenreich den Teamchef, ob es den Filmstars in spe gestattet sei, ebenfalls zuzugreifen. Der meinte »Yeah!« Wie sie also alle aufstanden und in Richtung Spanferkel gingen (es waren immerhin acht Männer und Frauen), sprang JK schnell als erster ans Ferkel , schnappte sich das große Tranchiermesser und eine Gabel und säbelte die allerfeinsten Stücke sehr reichlich ab. So hatte sich der Teamchef das allerdings nicht vorgestellt. Doch JK merkte nichts, packte sich alles auf Alufolie und ging damit zur Theke. »Fritz, zahle mal - wir jeh'n!«, röhrte er mit der Stimme eines Sergeanten. Fritz hatte inzwischen die Aktivitäten des Schachmeisters mit Stielaugen verfolgt. Blitzschnell waren die Biere bezahlt, beide mit dem Spanferkel draußen und ab gings durch den Wald nach Hause.
Dort gab es erst einmal Spanferkel satt, soviel hatte zumindest der Abteilungsleiter noch nie auf einmal gegessen. Selbstverständlich wurde nun auch Fritz vom Stand der Kinder beim Schach aufs Genaueste unterrichtet. Der nächste Tag begann sehr, sehr spät. Gegen Abend tippte JK dann den Brief mit der genauen Story an den Kameramann. Die Idee schien wohl schon sehr gut zu sein, nicht aber die Erinnerung der Amerikaner an die beiden Spanferkelkiller. Der Schachclub jedenfalls hörte nie wieder etwas vom Teamchef, seinem Kameramann oder von irgend einem anderen amerikanischen Filmemacher.