Von unserem Nachwuchsspieler Peter Schäfer
Sonntag. Aber eigentlich hätte dieser Tag die Bezeichnung gar nicht verdient, denn zu nachtschlafender Zeit werde ich durch den durchdringenden Laut eines Weckers aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich schiebe mühsam die Pupillen unter den Augenlidern hervor und erkenne auf dem Ziffernblatt, daß der große Zeiger auf 6 steht und der kleine fast auf 9. Irgendetwas war doch da heute...
Noch kurzer Inbetriebnahme des Großhirns stelle ich fest, daß ich noch ganze 5 Minuten Zeit habe, mich aus dem Bett zu schwingen, anzuziehen, den Kaffee zu probieren, den Kaffee wegzuschütten und aus dem Haus zu stürzen, mich, dem Befehl des großen J.K. folgend, zur Mehrzweckhalle zu begeben und mich dort unter artistischen Verrenkungen und unter strikter Mißachtung aller Prellungen und Quetschungen mit 5 anderen in ein kleines rotes Etwas zu zwängen (das mal irgendwann ein Auto gewesen sein muß), das sich dann wider aller Erwartung tatsächlich in Bewegung setzt.
Ziel ist ein irgendwo in der weiten Prärie der Westpfalz gelegenes Nest, wo 6 ähnlich Verrückte samt Heimvorteil schon auf uns, ihre Opfer, warten. Aber auch die vertrackteste Lage der Spielorte konnte bis heute nicht verhindern, daß wir, unter Anwendung der einschlägigen Pfadfindertricks stets fast pünktlich waren.
Man wird in einen Raum gepfercht und der allmächtige J.K. weist einem eine Platz am Tisch zu. Auf dem Tisch befindet sich ein schwarz-weiß kariertes Brett und ganz genau 32 Holzpüppchen. Was soll nun das?
Mir gegenüber sitzt
ein stiftenköpfiger 2-Meter-Schrank mit übelverheißendem
Blick. Sicherlich ein KGB-Offizier (bekannt aus James-Bond-Filmen).
Das Spiel beginnt. Es zieht sich so hin mit allen Höhen und Tiefen, aber irgendwie ist es etwas eintönig, weshalb ich nach einer halben Stunde beschließe, etwas mehr Farbe ins Spiel zu bringen und eins der Holzfigürchen von einem Viereck auf ein anderes zu setzen. Das hat ihn sichtlich überrascht, denn es fällt ihm nichts besseres ein, als mir das nachzumachen. Nachdem in mir langsam die Erkenntnis reift, daß das Spiel eigentlich nur aus dieser Tätigkeit besteht, kommt etwas mehr Schwung in die Sache. Anscheinend bringe ich den KGB-Vierschröter in Bedrängnis, denn von Zeit zu Zeit stößt er fremdartige Flüche aus. Ich vermeine Worte wie "Schasch" oder "Schach" zu verstehen.
Nach fast 3 Stunden ruft
er sogar "Schachmatt!", womit ich nun überhaupt nichts anfangen kann.
In einwandfreiem Deutsch erklärt mir mein Gegenüber (war wohl
doch kein Agent), daß dies kein weißrussischer Fluch sei, sondern
daß ich nun das Spiel verloren habe.
Wieder was dazugelernt!
Man verläßt den Ort der Schmach und besteigt unter dem heiligen Gelübde, daß dies das letzte Holfigürchen-Spiel des Lebens war, wieder das kleine rote Etwas und fährt der geliebten Heimat entgegen, wo ein kaltgewordenes Mittagessen wartet.
Aber was soll's, man ist ja schließlich Idealist.