[Schachzeitung 1989]

Die Bezirks-Jugendeinzelmeisterschaft

Bericht von Jürgen Kühle

Als ich die Bezirksjugendeinzelmeisterschaft wieder einmal nach Fischbach holte, war Manfred Kraus noch im "Amt". Manfred Kraus war Jugendbetreuer, er machte Schachunterricht und leitete darüber hinaus mit viel Engagement mehrere Bambinomeisterschaften. Eine solche Arbeit wird oft zuwenig gewürdigt. Trotzdem hatte Manfred viel Spaß mit den Kindern und die Kinder mit ihm. Plötzlich änderte sich sein Arbeitsverhältnis und er konnte beim besten Willen nicht mehr tun für seine Kinder. Wer sprang ein? Richtig, der Abteilungsleiter. Das bedeutete in der Folge auch, daß ich die BJEM ausrichten mußte.

Von der Zahl der Teilnehmer aus Fischbach war ich trotzdem überrascht. Alle kamen, 16 an der Zahl. Ich meine, das ist ein Grund, auf die geleistete Jugendarbeit stolz zu sein. Die Begeisterung der Kinder selbst war groß, bei unseren Kleinsten (4 Erstkläßler), wurde sie selbst durch noch so deftige Niederlagen nicht gebrochen. Und die gab es leider sehr viele. Erfolgserlebnisse verbucht man fast ausschließlich untereinander, die Auswärtigen waren einfach stärker.

Erstaunlich war auch die Standhaftigkeit unserer Kinder. Immerhin gingen die Spiele über 3 Samstage. Und da durchzuhalten, wenn man selber keine Chance mehr hat, das ist schon eine Leistung. Dabeisein ist alles, hier war es in reinster Form zu sehen.

Von Clubseite her nahmen teil: Peter Schäfer, Jörg, Kerstin und Steffi Engelskircher, Mario Bleh, Sandra und Sascha Keller, Stefan Uhrmacher (der beste Fischbacher), Kai Laziak, Christian Baumann, Judith Richter, Stefanie und Claus Knieriemen, Julian Müller und Nicole Dietrich.

Nun wollen wir mal das Geschehen aus der Sicht unserer Akteure etwas durchleuchten.

Am ersten Samstag kam vor dem Start die Gruppeneinteilung. Klemens Ranker aus Kindsbach ist Bezirksspielleiter, er hatte die Aufgabe, das Turnier zu leiten. Alle ankommenden Kinder mußten sich bei ihm melden und wurden, ihrer Altersklasse gemäß eingeteilt.

Bemerkenswert dabei ist gewesen, wie die beiden Freunde Kai und Sascha ihre Einteilung feierten. Kaum hatten sie gemerkt, daß sie zusammen spielen, fielen sie sich um den Hals, klopften sich auf die Schulter und sangen: "Ja, Jaaaa, juhuuu!" und was derartiges mehr ist. Dann, Arm in Arm, hopsten sie im Duett im Kreis herum, es war einmalig.

Der ernsthafteste Spieler war Stefan. Am ersten Tag gab es gleich drei Niederlagen hintereinander für ihn. Er war am Boden zerstört, gerade, weil er sich echte Titelchancen ausgerechnet hatte. Er wollte nicht nur das Turnier abbrechen, sonder auch noch ganz mit Schach aufhören. Nach einer längeren Seelenmassage war er dann aber wieder soweit, daß er versuchsweise weitermachte. Von da an verlor er nicht ein Spiel mehr und beendete als bester Fischbacher das Turnier mit einem schönen vierten Platz. Und er hatte wieder strahlende Laune.

Gar keine Chance hatten unsere Mädchen. Beste war noch Judith Richter. Die hatte aber gerade erst neu bei uns angefangen, ihr fehlte noch etwas die Routine. Als ich sah, wie die Kinder teilweise verloren, beschloß ich, den Schachunterricht in Zukunft zu leiten. Die Kinder, die nur aus Freude am Spiel kommen, aber nicht unbedingt angestrengt lernen wollen, müssen Gelegenheit haben, (beaufsichtigt) zu spielen. Aber diejenigen, die besser spielen wollen, die lernen wollen, die bekommen gezielten Schachunterricht. Damit sie eben nicht mehr den König 52mal nur hin und herschieben, weil sie nicht wissen, wie sei mit König und Turm mattsetzen können. Können müßte sie es ja eigentlich trotzdem, aber sie erinnern sich nicht, wenn die Situation auf dem Brett ist.

Bei der A-Jugend hatte Peter Schäfer einen schlechte Start, kam dann aber noch ins Stechen, was ihm aber nur den dritten Platz (von vieren) einbrachte. In seiner Klasse ist es aber auch schon wirklich mehr als schwer, sich durchzusetzen.

Die oben erwähnten beiden Freunde mußten natürlich auch gegeneinander spielen. Bisher hatten sie kaum einen Punkte gemacht, deshalb konnte man gespannt sein, wie sie gegeneinander spielen würden. Beide saßen sich, Kopf zwischen den Händen, gegenüber und spielten wie aus dem Lehrbuch. 1. Zug e2-e4, e7-e5. Und so weiter, Springer, Läufe auf b5, Spanische Eröffnung also. Ich war ganz gerührt, "meine Kinder" hatten also im Schachunterricht doch aufgepaßt. Und dann kam der Hammer. Nach dem fünften Zug (!) bot Sascha Remis an. Kai prüfte gewissenhaft den Stand der Partie und nachdem er sich überzeugt hatte, daß er tatsächlich keinen Vorteil verschenkte, willigte er ein. Arm in Arm gingen die beiden dann zum unabhängigen Kampfrichter und ließen sich das Remis eintragen. Danach spielten sie die Partie "fer umme" zuende.

Dazu muß man wissen, daß stinknormale Großmeister sich untereinander gleichnamige Remisen anbieten, sie sozusagen vereinbaren, wenn sie sich gegenseitig nicht wehtun wollen. So ein Großmeisterremis kommt dann nach etwa 14 bis 20 Zügen zustande, ganz selten einmal schon nach 9 bis 11 Zügen. Sollten wir zukünftige Super-Großmeister im Schachclub haben?

Bei den "Kleinen" fing die Fischbacher Rangfolge leider erst bei Platz 6 an, das tat aber den Kindern nichts. Am weitesten vorne landeten natürlich die alten Cracks Julian Müller und Claus Knieriemen. Die beiden werden mit Sicherheit über kurz oder lang in einer Fischbacher Mannschaft spielen. Wenn sie bei uns bleiben.

Es ist sowieso vorgesehen, wenn der Bildungsstand beim Schach ein wenig fortgeschritten ist, eine Jugendmannschaft aufzustellen. Voraussetzung ist allerdings, daß sich von den Schacheltern 2 Betreuer finden, die auch mal einspringen, wenn ich mal nicht kann. Bei Auswärtsspielen beispielsweise wäre es notwendig, die Kinder zum Spielort zu fahren. Die Saison dauert etwa von September bis April, es dürften etwa 8 Spieltage angesetzt sein, von denen aber die Hälfte zuhause stattfindet.

Bei Gelegenheit kommen wir auf diese Thema zurück.

Bei der BJEM fand Judiths Vater die Einteilung etwas ungerecht. Unsere relativ "Kleinen" konnten gegen wesentlich ältere Mädchen antreten, gegen die sie dann auch keine Chance haben. Leider konnten wie keinen Einfluß auf den Modus der Einteilung nehmen. Die Altersklassen sind nun mal festgelegt, wie können uns nur damit trösten, daß in kommenden Jahren unsere Kinder auch älter sind als dann neu Hinzukommende.

Judiths Vater unterstützt mich sehr gut bei der Arbeit. Als Folge der BJEM stellte ich dann tatsächlich den Unterricht um. Während ich nun mit den Interessierten "richtig" Schach spielte, beaufsichtigt Werner Richter die anderen Kinder. Das klappt ganz hervorragend.

Dann kamen die Siegerehrungen. In 6 Klassen wurde Pokale und Bücher vergeben. Die beiden vierten Plätze bekamen gerade noch so einen Trostpreis. Alle anderen mußten leider in die Röhre gucken. Der Club hätte sonst ja auch allen anderen Kindern irgendwelche Preise geben müssen. Das ging beim besten Willen nicht. Die Kinder haben das auch eingesehen. Ich habe sie nämlich darauf vorbereitet:

"Kinder, eins geht nur - die Schachpizza über das ganze Jahr oder für jeden jetzt eine wirklich ganz winzigen Pokal!"

Die Schachpizza gibt es immer noch, sie haben also gewählt. Sogar ich glaube, daß sie sich richtig entschieden haben.