[Jürgen Kühle, Schachzeitung 1989]

Matt in 2 Zügen

Was so alles passiert + eine Steigerung

Es gibt sehr viele Schachspieler in der Verbandsgemeinde, davon spielt die überwiegende Zahl nicht im Verein. Diese Spieler, wenn sie mal auf ominöse Weise gegen ihren Computer verlieren, oder gegen Bekannte oder Freunde "Riesenböcke" schießen, meinen, sie lernen es nie. Sie trauen sich daher auch nicht zu, sich einem Club wie dem unseren anzuschließen, weil sie denken, sie seien für uns ja viel zu schwach.

Für diese Spieler ist der folgende Artikel gedacht. Nun lest doch mal, was uns Clubspielern mitunter passiert. In der Meisterschaft, in den Kreisklassenkämpfen.

Während der laufenden Meisterschaft hatte unser Meister von 1985, Manfred Kraus, schon eine Menge Glück gehabt. Alexander Helf hatte ihn am Rande der Niederlage. An der Uhr war das Blättchen schon gefallen. Nur, ein Außenstehender darf nichts sagen und Alexander merkte nichts. So setzte Kraus Matt und war dem neuen Titel ein Stück näher gekommen. Denn schon früh hatte sich heraus kristallisiert, daß nur er und Dennis Whitcomb ernsthaft in Frage kommen würden. Gegen Michael Mayer sah Kraus ganz schlecht aus. Vor allem wegen seines Zeitverbrauches. Mayer hatte die bessere Stellung und Figurenvorteil und noch 45 Minuten Zeit, Kraus nur noch 4 Minuten. In diesen 4 Minuten zog er gegen alle Gewohnheit unheimlich schnell. Mayer, der Zeit hatte, zog schnell mit. Und kam in Nachteil. Und zog weiter schnell mit und verlor.

Dann kam Kühle. Der hatte bereits im allerersten Meisterschaftsspiel keine rechte Einstellung gefunden und trotz Riesenvorteils verloren. Danach hatte er ohne rechte Biß die nächsten Runden gespielt. Doch gegen Kraus wollte er unbedingt gewinnen, da war noch eine alte Rechnung offen. Vehement begann er. Kraus antwortete vorsichtig, vielleicht etwas zu routinehaft, aber dafür lag er in der Zeit so gut wie noch nie. Kühle hatte offensichtlichen Stellungsvorteil und witterte eine Riesenmöglichkeit. Wenn Kraus auf den Damenzug nicht richtig antwortete, dann war ein Matt drin. Kraus antwortete nicht richtig und Kühle rief: "Matt in zwei Zügen!" Kraus starrte auf's Brett, überlegte und reichte Kühle die Hand. "Nun gut, das hab ich nicht gesehen."

Nun denn. Am nächsten Tag wollte der Sieger das nochmal nachvollziehen (die Partie war ja mitgeschrieben). Er stellte die Figuren auf, nahm die Notation zur Hand und begann. Die Züge wurden nachgespielt, es kam die drohend Mattstellung. Aber Moment mal, wenn Schwarz mit dem Läufer schlug... - Mensch, das war ja überhaupt nicht Matt. Das war ja höchstens Figuren-Vorteil.

Wochen später - die Meisterschaft war längst entschieden - erzählte er es im Club. Erst wollte man ihm nicht glauben, aber dann gab es natürlich ein homerisches Gelächter. Nur Schäfer meinte, das habe er doch gleich gesehen, bloß wollte er nichts sagen.










Das ist die Stellung nach dem 16. Zug in der Partie Kühle-Kraus. Weiß zog 17. xd5 und sagte ein Matt in 2 Zügen an: 17... exd5 18. h6 xe5 (Gegenzug egal) 19. g7 # Schwarz gab auf.
Er hätte sich aber mit 17... xe5 18. xe5  exd5 bzw. 18. xe5 f6 ! noch retten können.

Die Steigerung

Ein paar Monate später war der vorletzte Spieltag der Kreisklasse. Zu Gast war Enkenbachs zweite Mannschaft. Sie kamen mit 2 Mann weniger, 2 Spiele gewannen wir gleich, es stand schon 4:0. Helf verlor, Baumann verlor, Whitcomb stand auf Verlust und Kühle zumindest auf Angriff. Nun grübelte er schon über fünf Minuten an einem ganz einfachen Zug. Aber er wollte mehr, er wollte glanzvoll gewinnen. Und so sagte er laut und vernehmlich für alle Anwesenden zu seiner Gegnerin: "Matt in 4 Zügen!" Diese stutzte - wie das? Sie stand zwar nicht besonders, aber so? Auch alle anderen hatten das gehört, so entstand eine dichte Spielertraube um das Brett, das wollten natürlich alle sehen. Zumal in der Kreisklasse ja eigentlich nie ein Matt angesagt wird. Und nun gleich eins in vier Zügen.

Der erste Zug Turm auf die Grundlinie, Schach! König nimmt Turm!
Der zweite Zug Dame zieht quer, Schach! Schwarze Dame zieht quer, Schach zuende!!!
Der dritte Zug fand im Rahmen dieses Matts nicht mehr statt, denn damit war das Matt in 4 Zügen bereits in sich zusammengebrochen, 15 Mann [Anm.d.Red.: 14 Mann & 1 Frau] lachten teilweise sehr herzlich. Der sechzehnte aber grübelte "Wie war das denn möglich?" Denallereinfachsten Zug nach 10 Minuten Überlegung übersehen und dadurch den Turm sinnlos weggeworfen.

Gott sei Dank, er fing sich wieder. Der zuvor erreichte Vorteil reichte aus, um am Ende doch noch zu gewinnen.

Aber die Blamage.