[Jürgen Kühle, Schachzeitung 1986]

Wie gewinnt man ein Schachpartie gegen einen überlegenen Gegner ?

Eine Unterweisung in praktischer Partieführung von einem der führenden Theoretiker Westeuropas

Schach ist eines der kompliziertesten Spiele, die es gibt. Das fängt schon damit an, daß eine zunächst vollständig unüberschaubare Menge verschiedenartigster und -farbiger Holzstückchen auf einem Brett stehen. Hat man sich mit diesen Figuren soweit angefreundet, daß man eine gewisse Ordnung erkennt, wartet schon der nächste Schock: Fast alle Figuren ziehen oder springen anders. Es gibt eine derartige Menge verschiedener Möglichkeiten, das Spiel anzufangen und fortzusetzen, daß der Anfänger bald so verwirrt ist, daß er wieder das Interesse verliert. Bleibt er aber dabei und hat keine Lust, käuflich erwerbbare einschlägige Literatur zu studieren, wird er über ein gewisse Spielstärke nicht hinauskommen. Diese Spielstärke ist aber eher ein Schwäche. Von jedem Schachspieler der alleruntersten Clubstufe wird er mühelos besiegt. Was wiederum zu vermeidbaren Frustrationen führt. Denn: Auch der Anfänger oder der ungeübte Spieler hat Chancen, sogar gegen gewiefte Turniermatadoren zu gewinnen.

Zunächst einmal ein Hinweis allgemeiner Art, der aber unbedingt beachtet werden muß.
Schach ist ein Konzentrationsspiel. Der ungeübte Spieler hat in der Regel weniger von seiner Konzentrationsfähigkeit, weil er die Partie nicht richtig analysieren kann. Während der Turnierspieler die Konzentration braucht, um die verschiedenen Standardsituationen, die er als Muster für die gerade gespielte Partie im Kopf hat, ständig vergleicht und die ihm bekannte Theorie nach für ihn günstigen Lösungsmöglichkeiten absucht.

Also ist es für den Anfänger wichtig, ihn dabei zu stören; wenn es geht , ihn sogar gänzlich davon abzubringen.
Günstig ist es von Anfang an ohne Zeitbegrenzung zu spielen. Daher lehne der Anfänger auf jeden Fall eine Schachuhr ab. Nur so ist es möglich, in wirklich aussichtslosen Fällen gnadenlos auf Zeit zu spielen. Reines Sitzfleisch hat schon oft gesiegt, wenn der Gegner vollständig entnervt aufgibt, weil der den Bus zur Arbeitsstelle erwischen muß, oder eine Verabredung getroffen hatte, zu deren Einhaltung er die Partie abbrechen muß. Wie gesagt, das ist das letzte Mittel. Ein anderes letztes Mittel sei ebenfalls gleich erwähnt.

Man dehne die Partie so lange aus, bis irgendwann der Gegner mal auf die Toilette muß. Dann kann man in aller Gemütsruhe ein Figur entfernen oder bloß etwas umrücken. Oder man tauscht Pferd gegen Turm, wenn dieses schon geschlagen war. Wenn man sich dabei sehr beeilt, gehe man am besten dem Gegner gleich nach, und bleibe auf jeden Fall länger auf der Toilette. Er wird es nicht wagen, am Brett irgendwas zu verändern, weil eine solche Dreistigkeit etwas ist, womit selten ein Schachspieler rechnet. Vielmehr wird der Spieler meinen, er habe plötzlich eine Gedächtnislücke. Hat er vielleicht in der Zeit davor zuhause schon mal etwas verlegt, und fällt ihm das wegen der Duplizität des Nichterinnernkönnens dann ein, kann es zu vollkommener Auflösung des Gegners wegen Ausbrechens einer panikähnlichen Neurose kommen. Solche Spiele fährt sogar ein Anfänger mühelos nach Hause. Wenn er nun aber tatsächlich seinerseits nun die Partie umstellt, oder den alten Zustand wieder herbeiführt, bezichtigt man ihn einfach des Schummelns und erklärt die Partie für sich als gewonnen.

Hat man nun, was eigentlich nicht vorkommen sollte, selber mal geschlafen, daß man keinen Trick anwenden konnte oder es entstand trotzdem ein schwerwiegender Nachteil, so benutze man das nächste Schachgebot des Gegners, um die Partie wenigstens noch unentschieden zu gestalten. Das geht nämlich, indem man sich weigert, aus dem Schach zu gehen. Das ergibt ein sogenanntes Ewiges Schach. Wie nun jeder in allen möglichen Schachbüchern selber nachlesen kann, bedeutet aber Ewiges Schach Unentschieden.

Wie waren dabei, eine bestimmte Taktik zu entwickeln. Nachdem wir festgestellt hatten, daß die Konzentration auf das Spiel dem erfahrenen Spieler mehr nützt als dem unerfahrenen, ist es oberstes Gebot, diesen an der Konzentration zu hindern. Dabei wäre es natürlich von Vorteil, wenn man schon vorher wüßte, was den Gegner am meisten stört. Das wird natürlich nur in den wenigsten Fällen gegeben sein. Man kann aber unbesorgt sein, jeder Schachspieler ist gegen eine Reihe von Störungen empfindlich. Zuerst versuche man es mit Krokantbonbons zum Beispiel. Wenn sie gewissenhaft geknabbert werden, ist der Störungsgrad schon sehr beträchtlich. Auch gut ist alles, was knistert. Leider wird vieles an Süßigkeiten nicht mehr in dem beliebten Zellophan verpackt. Andererseits sind fast alle Arten Kartoffelgebäck äußerst knusprig, die Spitze hält meiner Erfahrung nach die Schweinekruste.

Aber es gibt auch unerwartete Schwierigkeiten. Zum Beispiel, wenn der Gegner schwerhörig ist. Aber auch dieser Fall ist nicht hoffnungslos. Wenn man es früh genug merkt. Niesen ist fast immer erfolgreich. Ich habe einmal in einer Partie einen Läufer umgeniest und einfach auf ein anderes Feld wieder aufgestellt. Der Gegner hatte mich in einer so aussichtslosen Situation, daß er in seiner Freude, mich gleich zu schlagen, darauf garnicht achtete. Zwei Züge später (einen vor Matt) sagte ich, daß ich die Partie leider abbrechen muß, weil er sich Vorteile verschafft hatte, dadurch, daß er zwei weiße Läufer habe. Das war natürlich ein äußerstes Mittel, das nur in ganz wenigen Fällen benutzt werden sollte.

Zumal als Raucher hat man ja noch einige besonders ausgefallene Methoden, eine Partie zu beeinflussen.
Vor Jahren, als ich noch rauchte, hatte ich einige sehr schöne Erfolge mit Zigarren erzielen können. Auch wer sonst nur Zigaretten raucht, sollte zum Schachspielen immer Zigarren bei sich haben. Das übelste Aroma ist gerade recht, es sei denn, man ist selber allergisch gegen Zigarren. Damals hatte ich eine Technik entwickelt, für die der schwere Zigarrenrauch genau das Richtige war. Der nicht inhalierte Rauch wurde mit einem Schwall direkt auf das Schachbrett geblasen, wo er sich regelrecht ansaugte und Wolken bildete. Mit war dieser Trick mit einer dermaßen Menge Rauch möglich, daß das Brett und die Figuren teilweise nicht mehr zu sehen waren. Der Gegner war konsterniert.

Es gibt auch eine ganz einfache, psychologisch sehr fundierte Art, den Gegner aus der Fassung zu bringen. Eine Methode, die gerade dann klappt, wenn der Spieler sehr gut ist und über viele theoretische Kenntnisse verfügt, ist die folgende. Man baue sich im Zentrum anfangs solide auf. Wenn das Spiel sich dann soweit entwickelt hat, daß es für den schwachen Spieler praktisch undurchschaubar geworden ist, daß es also sowieso egal ist, was man zieht, verfahre man so:
Der Gegner will ziehen. In diesem Moment, wenn er die Figur anfaßt, fange man an zu grinsen. Dabei nicke man gewollt unmerklich mit dem Kopf. Dies sollte sich während der Ausführung des Zuges noch verstärken, sowie der Gegner nun seine Figur losgelassen hat, führe man in größter Schnelligkeit seinen Zug aus. Irgendetwas, nur sehr schnell muß es sein. Daraufhin wird der Gegenüber in langes und tiefes Grübeln versinken, aus dem er aber dadurch, daß man nach dem Zug gleich aufgesprungen ist, fröhlich hin und her läuft und pfeift, immer wieder herausgerissen wird.
Wirklich, das ist sehr erfolgreich.

Dann gibt es natürlich noch die alte Methode, die ja wohl jeder schon einmal angewendet hat. Während der Gegner überlegt, rücke man alle seine Figuren gerade oder ungerade, je nachdem, wie sie gerade stehen. Oder, wenn man selber dran ist, ziehe man grundsätzlich erstmal eine andere Figur, die man nach einigem Hin und Her natürlich wieder zurückstellt und klappere mit der Figur, die man ziehen will, erstmal sämtliche erreichbaren Felder ab. Dann erst lasse man sie dort stehen, wo man sie von Anfang an hinhaben wollte.

Dies alles sollte auch den Fast-Laien in die Lage versetzen, auch gegen weit überlegene Gegner zu gewinnen. In diesem Sinne: Gut Holz!