[Jürgen Kühle, Schachzeitung 1989]

Das erste Fischbacher Sterntrinken

Die große Schachfete

Im vorigen Jahr wollten wir eine Weihnachtsfeier machen. Plötzlich kam der Verein auf die Idee, eine Gesamtweihnachtsfeier zu machen. Nun, auch nicht schlecht, dann machen wir unsere kurz davor.

Kurz davor war schlecht, wir - sprich der Abteilungsleiter - waren etwas spät dran, es fand sich kein Ausrichter und die Halle wurde leider nicht mehr bewirtschaftet.

Also: Kurz danach, gleich im neuen Jahr. Das hörte sich nicht schlecht an, aber das ging nicht, die Gründe sind im Moment gar nicht mehr aufzudecken. Dann nahte das Ende der Saison. Wir hatten überraschend gegen die Post gewonnen und, falls alles ganz toll klappte, würden wir Zweiter werden. Zudem spielten wir dauernd sonntags, konnten also schlecht mit einer "Matschbirne" in entscheidende Spiele gehen.

Dann machte uns unser Freund Richard Gries ein Geschenk. Er drechselte uns eine Hälfte eines Schachspiels. Acht Bauern, jeder circa 15 cm hoch, König (fast 30 cm), Dame Turm, Läufer und Pferdchen. Für unser Festchen. Den wollten wir unbedingt einladen, mit Frau natürlich. Der Termin unserer Fete sollte sich danach richten, wie er mit dem Drechseln fertig wird.

Der Anruf kam, aber Anfang März war die Generalversammlung. Die Woche darauf ging es bei dem nicht, die nächste Woche konnten ein paar andere nicht, außerdem zog der Abteilungsleiter gerade mit Peter Schäfer und Alexander Helf die Schachzeitung durch. Dann wurde der Termin einfach verkündet und gesagt: Dabei bleibt es endgültig! Dieser Termin war der 1. April. Die Generalversammlung mußte wiederholt werden, ratet mal, auf wann sie geschoben wurde: Richtig, auf den 31. März. Doch der Fetentermin blieb. Jemand sagte noch scherzhaft, vielleicht stellt der Schachclub den kompletten Vorstand, dann müssen wir sowieso feiern. Ganz soweit kam es nun Gottseidank nicht, wie wir inzwischen wissen.

Was kam, war die Fete. Wir feierten bei unserem Freund und Spieler Bernhard Kleer. Alles war bestens organisiert. Wir hatten vom SPAR in Hochspeyer eine herrliche kalte Platte machen lassen, die können das besonders gut. Vom Otter-Franz das Brot für die Mitternachtssuppe geholt. Das Hackfleisch und Mett lieferte HOGRO gut und preiswert. Bier und Asbach waren reichlichst vorhanden und Dieter Dähnick bezahlte (für uns sehr, sehr günstig) seine Anzeige auf der Nebenseite mir dem phantastischen FREIXENET, dem herrlichen spanischen Champagner-Sekt.

Alles war bestens gerichtet.

Nun war unserem Freund Richard Gries ein kleines Mißgeschick passiert. Einem Läufer war am Sockel ein bißchen Holz abgebrochen. Das Holz ist ja nie vorher so genau zu bestimmen, das kann immer einmal passieren. Diesen Läufer, der sonst aber vollkommen in Ordnung war, schenkte er dem Abteilungsleiter. Der hatte schon wieder einmal eine Idee. Natürlich hätte er den Läufer viel lieber selbst behalten, so schön, wie der war. Aber er opferte ihn für das sogenannte "Erste Fischbacher Sterntrinken". Das sollte stattfinden, wenn die anderen Figuren alle versteigert waren. Dann wollte Kühle den Läufer vorholen und sagen - aber nein, das schildern wir live:

"So Kinders, da hab ick noch watt!" Der Rest folgt in Hochdeutsch. "Der hier, der ist umsonst!" Ungläubiges Staunen ging durch den Raum. Hatte doch eben noch bei der Versteigerung ein Bauer bis 20 Mark gekostet, ein Läufer bis zu 30 Mark, die Dame 31 Mark und der wunderschöne König gar 110 Deutsche Mark! Den ersteigerten König bekam übrigens unser Bernhard Kleer von seinen Töchtern geschenkt, zum Ruhestand, denn einen Tag vorher war er in Pension gegangen.

Also deswegen das ehrfürchtige Staunen als der Läufer mit einem unsichtbaren Schönheitsfehler für umsonst zu haben schien. Selbstverständlich wollten ihn fast alle haben. Das ging mal nicht, er war nur einmal da. Also hieß es "Wer den haben will, muß einen Asbach trinken." Was - wirklich? - ja, wenn das alles ist! "Aber einen ganz bestimmten Asbach! Den Asbach nämlich, der hier genau in der Mitte des Tisches steht. Und wer den austrinkt, der hat den Läufer gewonnen. Allerdings muß er vorher noch vier andere Asbach trinken, jeder muß das, der den Läufer gewinnen will."

Vier Mann trauten sich das zu. Bernhard Kleer in letzter Minute, vorher hatte schon Kühle gemeldet, auch Helf und dann natürlich Bernd Dessauer. Für Insider, Bernd Müller konnte nicht, der hatte ausgerechnet an diesem Abend Schluckbeschwerden. Angina oder sowas. Mann, hat der sich geärgert.

Genauso wie Isigkeit. Der war am abend vorher zum zweiten Vorsitzenden im Gesamtverein gewählt worden, und hatte das erst beim Frühstück seiner Frau beigebracht. Nun konnte er sich nicht noch ein Ding leisten.

Jeder stellte sich an dem runden Tisch auf, von jedem gingen 4 Asbach auf den in der Mitte zu, deshalb das "Sterntrinken". Schieri waren Peter Schäfer, Rita Kühle, Birgit Schilling und weitere und dann kam der Startschuß.

Schluck auf Schluck jagte durch die sich kräuselnden Kehlen, jeder becherte, was das Zeug hielt, am pfiffigsten von allen war Dessauer, der, während er den einen kippte, den anderen schon griff. So hatte er einen minimalen Vorsprung, griff das fünfte Glas, leerte es und kassierte unter dem Gejohle der Zuschauer den Läufer.

Wer unsere Schluckspecht Nummer 2 ist, wird hier natürlich nicht verraten, das gehört zu den streng geheimen Clubinterna. Wer das rauskriegen will, muß Mitglied im Schachclub werden.

Wer allerdings angenommen hat, daß dies das Ende der Clubfete war, der täuscht sich gewaltig. Danach ging es noch einmal so richtig los. Der an diesem Abend wie ein Wasserfall quasselnde Abteilungsleiter (Name tut nichts zur Sache), hielt noch viele schöne Reden. Die allerbeste zum Schluß, als er sagte: "Auf Wiedersehen!"

Damit ging eine Schachfete zuende, die ihresgleichen suchte, denn alles wurde gemacht, nur eines nicht - Schach gespielt!