Die Reise war von Pannen gekennzeichnet. Panne 1 (Bild 1): Kein Gepäckträger am Bahnhof!
Panne 17 war dann bereits in Stuttgart: Über vier Stunden Wartezeit auf den Flug, weil der Organisator (Alles Müller, oder was ?) zu übervorsichtig war.
Dann starteten wir. Einige unserer Spieler, die sonst auf dem Brett jedes unmögliche Risiko eingehen, hatten schnell noch ihr Testament gemacht: Flugangst. Entweder hatten die Türken nun mitbekommen, wer alles im Flugzeug saß, oder es war wirklich Nebel in Istanbul. Auf jeden Fall flogen wir durch bis an die Südküste nach Antalya. Das war Panne 41. Nach der Ankunft auf dem Flughafen waren wir mit dem Bus unterwegs. Müller wollte immer an einer der außergewöhnlich zahlreichen Tankstellen halten, um Bier zu kaufen und verlangte, daß der Fahrer endlich tanken fährt. Bis ich ihm die Sachlage erklärte. Rechts und links kam laufend eine Tankstelle nach der anderen, soviel habe ich noch nirgends gesehen. Also konnte doch was nicht stimmen.
"Mensch Bernd, überleg doch mal, wo wir hier sind! Das sind doch alles überhaupt keine Tankstellen, sondern Attrappen. Hier ist doch dauernd irgendwo Krieg. Wenn der Feind dann kommt, zerstört er nur die Attrappen." Und so weiter. Bernd hatte immer eine Zwischenfrage und ich erklärte ihm immer, wie sich das verhielt. Zum Beispiel, daß man hier um zu tanken, immer den Einheimischen hinterher fahren muß, die wissen, wo die echten Tankstellen sind. Oder wieso bestimmte Tankstellen leer sind und da keiner tankt: Das sind eben die Attrappen. Alles in unserer Nachbarschaft lachte Tränen, noch Tage später mußten Leute, die in unserer Nähe gesessen hatten, lachen, wenn sie uns nur sahen.
Um 23.30 Uhr waren wir dann da. Nach dem Kampf an der Rezeption um die Zimmer gingen wir auf Bierstreife, denn inzwischen waren wir vollkommen ausgetrocknet. Nichts. Gar nichts! In jedem Zimmerkühlschrank waren dann wenigstens noch zwei Büchsen da, um die allerdings wilde Grabenkämpfe ausbrachen.
Erle und ich beteiligten uns daran nicht, wir hatten bereits genug. Wir spielten aber noch unseren Asien-Zimmermeister aus, leider gewann Gerhard Erlbach.
Der nächste Morgen sah uns früh wach. Ich wurde auf der Suche nach Schachgenossen noch zum unfreiwilligen Retter für ein Ehepaar, das sonst mit Sicherheit den Abflug verpaßt hätte. Die beiden verabschiedeten sich später in Stuttgart noch von mir mit Handschlag. Die Hotelanlage war übrigens sehr toll, ein riesiges Gelände mit lauter einstöckigen bungalowartigen Bauten mit herrlichen Zimmern. Fünf Sterne immerhin. Man hatte uns also nicht einfach nur irgendwo untergebracht.
Um 10.00 Uhr flogen wir dann ab und waren um 11.00 Uhr in Istanbul. Wieder wurden einige Testamente zerrissen. Immer noch waren wir ohne jegliches Bier. Einer der unseren lamentierte unentwegt, allerdings ICH NICHT. Inzwischen hatten wir uns schon an die 15 Grad Celsius gewöhnt und fanden es herrlich.
Am Flugplatz wurden wir direkt von unserem Reiseführer in Empfang genommen. Bus 38 konnte sich auch jeder schnell merken und schon waren wir im Programm. Immer noch ohne Bier, zum Leidwesen unseres Bernd Müller. Aber dann kam der erste Halt, direkt an einem kleinen Fischmarkt. Von dort aus ging es dann zum Mittagessen an den Bahnhof. Unser Reiseführer war sehr engagiert, er erklärte uns alles ganz genau und auch, wie es kommt, daß wir für 300 Mark, die normalerweise nicht einmal für den Flug reichen würden, so einen Aufenthalt mit Programm bekommen. Es lag am System Butterfahrt, ganz grob gesprochen und an der Tatsache, daß die Veranstalter von der Regierung unterstützt werden, weil sie in der flauen Zeit scharenweise Touristen herbeizaubern, die vielleicht, wenn ihnen die Türkei gefällt, im Sommer wiederkommen. Im Prinzip waren nur zwei Pflichtveranstaltungen dabei an den drei Tagen, es gab aber überhaupt kein Problem für die, die nicht daran teilnehmen wollten.
Dazubuchen konnte man noch ein hervorragendes Essen an den drei Tagen, verbunden mit einem türkischen Abend für 150 Mark. Das taten die meisten, wir nicht. Auch das gab keine Verstimmung bei der Reiseleitung, also doch keine Butterfahrt.
Während die anderen also ins Restaurant Orient-Expreß zum Essen gingen, bummelten wir etwas in der Gegend herum und wollten uns selbst was suchen. Es gab jede Menge Dönerbuden und Hamburger-Lokalchen, wie in Lautre - wir fanden nichts, was uns zugesagt hätte. Panne 137: Kein einheimisches Lokal in Istanbul! Nun war es genug der Pannen, ich übernahm die Organisation! Ich sprach einen Einheimischen an, Nichts. Ich sprach noch einen an und der verstand in etwa was wir wollten: Kein Döner, kein Hamburger sondern türkisch! Er führte uns zweimal über den Damm, in ein Seitengäßchen und wieder heraus und dann standen wir vor einem Handtuch von Lokal, das nicht gerade besonders vertrauenswürdig aussah. Wir sind aber trotzdem rein und hoch in den zweiten Stock. Unser Führer, er hieß auch noch passend Mustafa betrachtete sich selbstverständlich als eingeladen. Eine Tatsache, die nicht besonders zu Buche schlug, wenn man später die Gesamtrechnung sah.
Vorspeisen wollte keiner, weil weder Mustafa Deutsch sprach und der Kellner nicht so gut, um uns was zu erklären. Ich bestellte dann aber doch einen Teller Gemischt und als der dann kam war er in Windeseile alle und vier Teller nachbestellt. Das Essen war auch sehr in Ordnung, das Bier floß in Sturzbächen. Unser Mustafa ließ zwei Runden aus und wäre uns doch beim Abgang fast die Treppe runtergefallen.
An diesem Tag wurden auch die ersten Spitznamen vergeben. Jonas, der noch eine Zwei vor dem Komma hat, hieß "der Pottwal". [Anm.d.Red.: tatsächlich entstand der Spitzname am nächsten Morgen, als sich Jonas mit der ihm eigenen Eleganz - und einem Riesenkater - am Frühstückstisch plazierte] Erle wurde "die 80er Kreiselpumpe" genannt für einen fast unglaublichen Vorfall, wegen dem Mustafa fast die Augen rausgefallen wären: Als der Kellner die erste Runde brachte, stellte er das Tablett auf den Nebentisch, nahm zwei Bier und stellte sie auf unseren. Dann drehte er sich um und nahm die nächsten beiden und stellte sie ab und konnte schon Erles leeres Glas wieder abräumen.
Die Zeche war relativ gering, jeder bezahlte umgerechnet 10 Mark. Wie in alten Adler-Zeiten hatte ich die Gesamtrechnung verlangt und nachher, egal was jeder gegessen hat durch unsere Zahl geteilt und von jedem kassiert. Keiner hat gemeckert und so blieben wir bis zum Schluß dabei.
Mit reichlichst Büchsenbier vom Stand gegenüber des Lokals versehen, gingen wir wieder zum Bus. Nächste Station waren das Topkapi-Serail, wo wir ausgiebig Kultur zu uns nahmen und dann waren wir das erste Mal auf dem Basar. Sofort begann eine Einkaufsorgie. Ich legte mir zwei Jeans zu (leider nur), und kaufte ein Paar Schuhe und sah zu, was die anderen kauften. Auf die Weise konnte ich mir die Richtpreise gut merken ohne selbst reinzufallen.
Dann endlich waren wir im Hotel, es war nach 18 Uhr. Mit dem gleichen Rezept wie vom Mittag gingen wir auch dann wieder essen: Ich fragte ein paar Einheimische und dann hatten wir ein Lokal - das heißt eine viereckige Schnellimbißhalle mit Küchenbestuhlung - ausgemacht. Das war wieder eine Sache für sich. Wir bestellten Bier. Bier? Nie gehört, können wir aber besorgen. Schnell war der Hilfskellner wieder da und verteilte die Dosen. Wenigstens halbe Liter. Er durfte ungefähr viermal flitzen, weil er nie glaubte, daß wir noch was trinken würden. So ein Dolles.
Dann das Essen. Wir wollten unter anderem Scharfe Tomaten. Hatte es selbstverständlich nicht. Nach einem kurzen, aber heftigen Streit des Chefs mit dem Koch flitzte der Hiwi wieder los und kam wenig später mit einer prallen Plastiktüte unter der Jacke wieder reingehuscht. Wir bekamen wirklich alles, was wir wollten, bloß mußte es immer erst geholt werden. Wir schlossen schon Wetten ab. Leider mußten wir kurz nach Zehn, als wir eigentlich erst mir unserem Schachturnier anfangen wollten, schon wieder aufhören, denn die Drei hätten sonst Schwierigkeiten bekommen wegen der Sperrstunde für sie. Vielleicht fielen sie mit ihrer Art von Laden noch unters Ladenschlußgesetz? Wer weiß.
Unser Turnier machten wir dann im Foyer des Hotels. Inzwischen sah kaum noch jemand die Figuren. Ich wurde als Tabellenletzter hoch gewettet, konnte in aussichtsloser Lage aber wenigstens noch die beiden letzten Spiele gewinnen und wurde Vorletzter. Das feierte ich wie den Turniersieg. Wie früher beim Fußball, wenn ich mal aus Zufall den Ball getroffen hatte.
Zum Abschluß gingen wir dann noch zu Erle und mir aufs Zimmer. In 407 ging dann noch die Party zuende. Aber wie! Erstmal brach plötzlich der Mann ab, der die ganze Zeit nach Bier geschrien hatte. In der Sorge um seine Gesundheit und seinen Zustand, vor allem Dingen um seinem Kumpel Peter zum Schlüssel zu verhelfen, suchten wir ihn noch zweimal in seinem Zimmer auf. Das zweite Mal mußten wir ihn für ein Gruppenfoto regelrecht in sein Zimmer schieben, denn er wollte uns nicht reinlassen. Um 2.00 Uhr wollten Erle und ich dann auf 407 die Party abbrechen, was beim trinkfreudigen Jonas, für den das alles wohl gerade erst so richtig angefangen hatte, den totalen Frust auslöste. Nicht nur, daß er die Spiele und die Uhren auf die Erde kippte, er trat auch noch aus dem Schachclub aus und wurde prompt aus dem Zimmer geworfen. Erle und ich spielten dann noch unsere Zimmermeisterschaft aus: Istanbulmeister wurde ich. Na wenigstens ein Titel.
Der nächste Tag begann mit Wecken von Peter und Bernd M. unserem Partyflüchtling, auch genannt "der Pinguin". Nicht wegen seiner vorschriftsmäßigen Kleidung, sondern wegen seines Ganges.
Ohne die beiden Uhrmachers, die wir vergeblich zu wecken versuchten, sahen wir dann die Suleyman-Moschee, die Blaue Moschee und die Hagia Sofia, wo es die Panne 507 gab: Im Kuppelraum befand sich ein Gerüst. Nun gab Müller auf und legte die Organisation endgültig nieder.
Nach der beeindruckenden Hagia Sofia fuhren wir zum Gewürzmarkt. Der war zwar kleiner als der Basar, aber sehr unterhaltsam. Wir handelten wie die Teppichhändler und hatten auch guten Erfolg. Aber das beste in der Beziehung sollte noch kommen. Jonas hatte inzwischen die Kündigung der Mitgliedschaft stillschweigend zurückgenommen, allerdings hatten wir ihn noch nicht wieder aufgenommen. Die Sache schwebte.
Mittagessen gab es diesmal irgendwo in der Nähe vom Fischmarkt. Wir suchten uns diesmal alleine was und waren auch wieder hochzufrieden. Die Scharfen Tomaten hatte es uns angetan, die waren überall ein bißchen anders, aber immer Spitze. Wegen des gestrigen Abends konnten Jonas und Bernd noch nichts essen. Bei der Bierbestellung wurde unsere Kreiselpumpe das erste Mal übertroffen! Frank Ostermann brachte diese erstaunliche Leistung, zwar nur vorübergehend, aber immerhin zustande. Erles Ruf schien angekratzt. Dafür aß er aber zweimal, denn es hatten alle bestellt, unsere beiden Blindgänger kriegten jedoch nichts runter.
Während die anderen 30 aus dem Bus sich die Lederwarenfabrik ansahen, gingen wir noch einmal in den großen Basar mit den 26 Eingängen. Es kam zu einer wahren Einkaufsorgie. Den originellsten Kauf machte unser Peter: Ein Lampe! [Anm.d.Red.: stimmt gar nicht] Nun ja, seine Mutter hatte Geburtstag an dem Tag, an dem wir ankommen würden und da mußte es schon was besonderes sein. Jacken, Hemden, Jeans und Sweatshirts wurden in rauhen Mengen gehortet, Uhren gekauft und sogar für Erles Enkelchen hatte der liebe Opa die Größen mitbekommen und ging brav einkaufen. Am Ende der Veranstaltung war Frank pleite, Kühle Konkurs, die anderen hatten entweder mehr Geld mit oder hatten nicht so viel gekauft.
Unser Bus stand auf einem Parkplatz mitten im ganzen Trubel und die Händlerscharen wurden alle über mich umgeleitet. Das sah dann so aus: Vorne gingen drei Mann von uns und wurden ständig angesprochen. Die zeigten dann auf mich und behaupteten: Der da hinten, der kauft! Ich konnte mich kaum wehren. Das Ende vom Lied war, daß ich am Bus aus lauter Verzweiflung noch schnell 10 Socken für 6 Mark kaufte um meine Ruhe zu haben. Aber von wegen: Das war das Signal für die restlichen Händler, die nun sahen, daß ich tatsächlich kaufte. Der Höhepunkt war einer, der mir Fleischspieße verkaufen wollte. Ich sagte: Nix Fleisch, ich Vegetarier. Das störte ihn überhaupt nicht. Er meinte, auf die Spieße kann man auch Gemüse ziehen. Doch ich blieb eisern. Ein kleiner Junge brachte mich fast zur Weißglut. Sogar als ich im Bus saß, wollte er mir noch Ansichtskarten verscherbeln.
Das alles erheiterte natürlich meine Freunde ungeheuer. Ich schwor, es ihnen irgendwann einmal heimzuzahlen.
Dann war es schon wieder 18 Uhr und damit Ende des offiziellen Teiles. Schon am vorigen Mittag hatten wir beschlossen, das Lokal nochmal aufzusuchen in dem wir gegessen hatten. Wir bestellten also zwei Taxen und fuhren, nachdem unser Reiseleiter den Fahrern erklärt hatte, wo wir hinwollten, mit diesen los. Da wir nichts gutes über die Taxifahrer gehört hatten, gab ich die Direktive aus: Ich zahle alles zusammen, egal, wer zuletzt ankommt. Die Fahrt war fast so abenteuerlich, wie man sich das vorstellt. Und es passierte etwas höchst seltenes. An einer der vielen mehrspurig abzweigenden Brücken verfuhr sich einer der beiden und wir warteten an einer Hauptstraße auf ihn. Der wurde umständlich über Funk zu uns gewiesen, aber dann klappte es. Im Stillen schwor ich mir, nicht mehr als eine Million für die Fahrt auszugeben. Das war genau das, was man uns im Hotel gesagt hatte.
Endlich waren wir da. GAR, Orient-Expreß. Und nun kam die Überraschung: Jede Fahrt kostete nur etwa 350.000 Dinar [Anm.d.Red.: Lira]. Die beiden hatten uns also nicht behummst. Dafür bekamen sie schönes Trinkgeld.
Der Kellner erkannte uns sofort wieder. Das Lokal war voll besetzt, aber er räumte für uns einen Tisch. Einige Einheimische, denen das aber wirklich nichts auszumachen schien, wurden einfach umgesetzt. Jonas hatten wir inzwischen gnädigerweise wieder in den Club aufgenommen, denn er hatte klaglos [Anm.d.Red.: er jammert heute noch darüber] die Bretter und die Uhren wieder mitgeschleppt. Zum zweiten Male umsonst, denn in dem Lokal war es viel zu voll, um auch noch an Schachspielen zu denken.
Wieder haben wir hervorragend gegessen, diesmal noch besser als beim ersten Mal, weil wir schon wußten, was wir wollten. Fünf Bier später traten wir die Heimreise an und wieder wurden wir nicht behummst, obwohl wir die Taxis am Bahnhof nahmen, wie sie gerade da standen.
Im Hotel belegten wir wieder das Foyer für ein paar Stunden und machten unsere "Internationale Meisterschaftsrevanche".
Wieder wurde ich nicht Letzter, das war aber auch der einzige Erfolg, der mir vergönnt war. Sieger des doppelrundigen Turniers wurde ausgerechnet Jonas. So haben wir nun zwei Internationale Meister. Nach dem Turnier im Foyer machten wir wieder den Abschluß auf 407, diesmal mit reichlich Gerstenbrause und ohne Eklat. Der neue Titel hatte Jonas doch etwas mehr Würde gegeben.
Daß wir mir unserer Reiseleitung Glück gehabt hatten, belegte folgender Vorfall. Am Basar nahmen wir eine junge Frau mit, der ganz anderes passiert ist. Der Reiseleiter dieser Gruppe hat sie gar nicht in die Hagia Sofia geführt, er hat einfach behauptet, da kann man nicht rein, da wird gebaut. Außerdem waren sie im finsteren Teil des asiatischen Istanbul untergebracht und hatten sich überhaupt nicht getraut, aus dem Hotel zu gehen.
Der letzte Tag brach an, der Tag des Abflugs. Doch vorher war noch bis 15.00 Uhr Zeit. Der Weckdienst meldete sich um 7.00 Uhr. Das war hart. Zuerst fuhren wir zum Frauengefängnis. Clockmasters hatten ja den Basar verpaßt. Sie haben uns fast noch wegfahren sehen, sind dann aber wieder ins Hotel zurück und haben sich ausgeschlafen. Ich hatte spätestens an der Hagia Sofia mit ihnen gerechnet oder beim Mittagessen. Nichts. Erst abends machten sie wieder bei unserem Programm mit.
Nun hatten sie ein Problem: Sie hatten zwar leere Taschen mit, aber noch nichts eingekauft. So gingen wir, derweil die anderen im ehemaligen Gefängnis Teppiche begutachteten, noch einmal zum Gewürzbasar. Dort kauften wir noch einmal für die Reste unseres Geldes ein und ich hätte auf dem Vorplatz fast noch einen lästigen Uhrenverkäufer der wirklich nicht abzuschütteln war, geschlagen. Ausgerechnet Jonas schüttelte den Kopf und bat um etwas Mäßigung.
Als die Einkäufer zurück waren, bestiegen wir einen Dampfer der mittleren Schildhornklasse, wenn ihr wißt, was ich meine. Wir fuhren den Bosporus bis direkt ans Schwarze Meer. Es war schön. Dort angekommen, gab es das letzte Mittagessen. Während die Gebuchten in einem umgebauten Sultanspalast gehoben speisten, gingen wir hinten raus, über die Straße in ein schmale Kaschemme, in die wirklich erst keiner rein wollte. Der Wirt war hager, runder Stoppelschädel, dichte Augenbrauen (im Waigelformat), dunkle, tiefliegende Augen, Vier-Tage-Bart, braungebrannt, in einem zerknitterten, dunkelblauen Anzug. Eine Bereicherung jedes Kriminalromans. [die Red. denkt, an Jürgen Kühle ist ein zweiter Chandler verlorengegangen]
Wieder einmal machte ich den Vorreiter und ging rein. Weil der Mensch ein Herdenvieh ist, kamen alle nach. Wir haben es nicht bereut. Die Menschen hier haben alle schon einen armenischen Einschlag. Der Wirt hatte auch hervorragendes Bier, wovon sich unsere Kreiselpumpe auch gleich wieder mehrfach überzeugte. Alle anderen waren natürlich auch. Essen konnten auch wieder einige nichts. Ich hatte für jeden Tisch ein paar Teller zusammengestellt vorne an der schäbigen Glastheke. Aber was heißt schäbig: Wir sind die neueste Technik gewöhnt, unsere Gesetze und unsere Leute verlangen einen bestimmten Status und wer den nicht einhält, wird gemieden. Das ist das Gesetz der kapitalistischen Auslese, würde ich mal sagen. Wenn wir mal zwei oder drei Monate in einer solchen Gegend zubringen müßten, würden wir wohl etwas bescheidener werden mit den Ansprüchen. Da können sich alle drehen und wenden wie sie wollen: Wir sind eine reiches Land mit viel Überfluß, auch wenn man das bei der Arbeitslosigkeit und den leeren öffentliche Kassen nicht wahrhaben will.
Nachdem wir zu siebent für alles zusammen umgerechnet fast 70 Mark bezahlt hatten, brachen wir wieder auf. Der Bus wartete bereits und wir wurden ohne weitere Umschweife zum Flugplatz gefahren.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Einchecken, Bus zum Flugzeug, einsteigen, die obligatorischen Testamente, Essen, Trinken, Schach spielen, landen. In Stuttgart hatten wir sofort Anschluß nach Neustadt. Ich stürzte schnell noch in einen Bahnhofssupermarkt und kaufte eine Palette Halbliterbüchsen Warsteiner: 83 Mark, mir tränten die Augen. Meine Kumpels legten die Ohren an: Bist du wahnsinnig? Das haben wir in der Türkei fürs ganze Essen mit fünf Bier für jeden ausgegeben. Wer soll denn das alles trinken? Jonas und Peter wollten erstmal gar nichts, die mußten noch auf den Geburtstag. Erle wollte auch nichts, die zurückliegenden Tage waren schlimm genug. Einzig Frankie, Clocki und sein Vater sahen die Palette wohlwollend an, während der alte Suffkopp Müller noch im Zweifel war. Aber anstandshalber gab jeder was zu.
Bis Neustadt lief der Bierkonsum schon recht gut an. Es gab keinerlei Zurückhaltung. In Neustadt warteten wir im Schnee, eine weiße Masse, die wir ewig lange nicht mehr gesehen hatten. Dann stiegen wir in den Zug ein, gingen durch zur ersten Klasse (wozu ist Müller bei der Bahn) und wurden vom Schaffner Adalbert Leis (ein Hochspeyerer Bekannter von uns und Bernd Müllers Arbeitskollege) empfangen: Was denn, ist der Schachclub von der Türkeireise schon wieder zurück?
Das brach die letzten Dämme. Bis Hochspeyer hatten wir die Palette leer. Lediglich zwei türkische Biere waren noch zu haben. Die wollte dann aber keiner mehr.
In Hochspeyer zerstreute sich dann alles in seine Winde. Peter und Jonas wurden abgeholt, Bernd fuhr noch weiter mit dem Zug, Uhrmachers wurden bereits von der Mutter erwartet, Frankies Freundin saß auch schon im Auto und wartete. Erles Familie, die auch schon eine Stunde in der Kälte auf uns gewartet hatte, fuhr mich und die Koffer nach Hause. Die schöne Reise war zu Ende.