[Jürgen Kühle, Schachzeitung 1989]

Ein etwas unnormaler Spieltag

Aus der Serie: Die Mannschaft - wie sie ist, wie sie sein sollte.

Welcher Mannschaftskapitän kennt das nicht? Einen Tag vor dem Spiel hat noch keiner fest zugesagt, aber auch keiner abgesagt. Dann klemmt man sich ans Telefon, macht den großen Rundruf und dann stellt sich heraus: Jeder hat etwas anderes. Keiner kann. Als Chef einer derartigen Jubeltruppe kann man dann nur noch Humor beweisen.

Folgendes passierte im vorigen Jahr:

Vor dem Spiel gegen Niederkirchen hatte ich fast alle Mann an Deck, wie es so schön heißt. Leider konnte Isigkeit nicht spielen, schade, den Punkt hätten wir brauchen können. Und Kleer, der verläßliche Haudegen, ausgerechnet diese Woche ist er krank. Auch Schäfer kann ausnahmsweise wirklich einmal nicht. Aber das kriegen wir schon hin.

Am Samstag vormittag sagt MM ab. Am Montag schreiben sie eine Arbeit, da kann er Sonntagsfrüh nie aufstehen. Ostermann sagt ab, Fete. Zingler war fest eingeplant, ist aber noch nicht zu erreichen gewesen. Ich falle in Panik, das kann doch nicht wahr sein. Rundruf: "Norbert, bitte - das wird eine Katastrophe - wir sind nur 4 Mann!" Isigkeit spielt. "Frank, wir sind nur fünf Mann morgen, bitte -". Ostermann spielt. "Michael, bitte kannst Du nicht doch? - Wir sind nur 6 Mann bis jetzt, bitte!" Nein, wir sind sieben, MM kommt. "Herr Zingler, endlich erreiche ich Sie," "Ja leider, nun gut, ich komme!"

Das erinnerte mich sehr stark an die Glorreichen Sieben, wie Chris seine Mannschaft zusammenholt. Trotzdem war ich erleichtert.

Der zweite Teil

Sonntag früh stehen wir vor der Mehrzweckhalle, unserem altbekannten Treffpunkt. Isigkeit kommt, er sagt aber gleich, daß er um Zwölf gehen muß. Dringende Verpflichtungen. Nun, da kann man nichts machen. Müller kommt. Motorisiert! Richtig, Müllerchen hatte ja den Führerschein gemacht. Er muß um halb zwölf gehen, sein Bruder braucht das Auto. Herr im Himmel.
Zingler kommt. Er muß so schnell wie möglich nach Hause, es wartet eine Unmenge Arbeit auf ihn. Eigentlich hätte er gar nicht erst... - Okay!

Da standen wir nun mit 5 Autos. Ich hatte eine Idee: Wir fahren mir 2 Autos, da passen alle rein! Geht nicht, meint Müller, er müsse doch das Auto seines Bruders usw. Na ist gut, dann fahren wir mit drei, wer fährt? Zingler, Isigkeit und Müller.

Also schön, fahren wir los. Bei schönem Wetter fahren wir einer ungewissen Zukunft in Niederkirchen entgegen.

Teil 3

Die Niederkircher brüten indessen über ihre Aufstellung. Sie wälzen die Ingolisten, jeder will seinen Gegner vorher ausrechnen, will ihn niedermachen, bezwingen, vom Brett fegen. Da trudeln wie ein. Nach der kurzen Begrüßung geht das Spiel los.

Viel früher als erwartet verliert Müller. Es ist noch nicht einmal 10 Uhr. Nach Neune haben wir erst angefangen. Proforma bleibt er noch ein wenig stehen, der Führerschein juckt aber sehr. Urplötzlich ist er weg.
Helf verliert sein Spiel, bleibt aber wenigstens da. MM macht Remis. Annehmbare Leistung. Er ist sichtlich zufrieden. Ostermann, Zingler und Dessauer kommen in nachteilige Stellungen, nur Isigkeit und ich stehen gut.

Isigkeit wir aber langsam unruhig, es ist schon halb zwölf und die Partie verwickelt. Dessauer gibt auf, 0,5:3,5. Es ist Zwölf, Isigkeit muß gehen, er gibt auf, Dessauer geht gleich mit. Nun, da wir sowieso verloren haben, sieht auch Zingler keinen Sinn mehr, länger zu warten. Zumal er auch nichts mehr werden kann und Ostermann auch nicht sehr gut steht. Einzig ich gewinne wohl ganz sicher. Bloß ich habe keine Auto dabei. ich frage den Gegner: "Remis?" Der ist ungerührt. Er hat gemerkt, daß ich mitfahren muß und lehnt ab. Da mir die Taxe Niederkirchen-Fischbach finanziell etwas aufwendig erscheint, gebe auch ich, nachdem Zingler das Spiel hingelegt hat, das Spiel auf. Wenn auch fast mit Tränen in den Augen.

So kamen wir in Niederkirchen mit 0,5:7,5 unter die Räder. Auf etwas ominöse Art und Weise. Der Vergleich mit den Glorreichen Sieben war also nicht ganz richtig. Die hatten trotz allem gewonnen. Naja, wir waren ja auch acht.

Heute finde ich das selber lustig. 


Noch einige Ausreden: Mein Hamster hat morgen Geburtstag, da kann ich unmöglich weg.
Ich habe heut abend eine Soiree in der Badewanne. Wer weiß, wann da Schluß ist.