Es war ein Freitag, einer aus einer fast unendlich langen Kette von Freitagen. Niemand konnte sich nachher noch genau an das Datum erinnern, nur das ES geschehen war, blieb jedem unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt.
Die Handlung spielte in einem größeren Saal und es war weit nach Mitternacht. Stumm saßen sich schon seit mehreren Stunden einige Personen an viereckigen Tafeln, im folgenden auch Bretter genannt, gegenüber. Ab und an bewegten sie helle und dunkle Holzstücke, die in Insiderkreisen auch als Figuren bezeichnet werden.
Es waren noch fünf Personen anwesend, nachdem alle anderen schon vor längerer Zeit verschwunden war. Etwas abseits an einem der Tische saßen zwei Personen, die sich die Zeit mit der Bewegung der farbigen Figuren vertrieben.
An einem anderen Brett saßen drei Leute, die stumm die durcheinanderstehenden Holzstücke betrachteten. Diese drei Personen, nennen wir sie Hinz, Kunz und Schulz bilden die Hauptakteure unserer Geschichte.
Hinz und Kunz saßen sich in dem schwachen Licht der zwei Lampen, die über ihrem Tisch hingen, gegenüber. Schulz, die dritte Person an diesem Tisch, betrachtete gespannt das Geschehen von der Seite.
Als letztes hatte Kunz eine Figur bewegt, worauf Hinz am Zug war. Es stützte den Kopf in seine Hände und verfiel in tiefstes Denken. Seine Gedanken kreisten um seine Figuren, wogen einzelne Züge ab, verwarfen sie wieder, aber bisher war der Schlüssel zur Lösung seines Problems wohl noch nicht gefunden, denn seine Blicke irrten auf dem Brett umher.
Doch da, aus der Tiefe seines Inneren trat ein Zug in seine Gedanken uns setzte sich dort fest. Noch bevor er länger darüber nachdachte, zuckte seine Hand ruckartig vor und hob eine Figur leicht an. Dann geschah ES. Die Figur, ein sogenannter Läufer, schwebte, über Freund und Feind hinweg, entlang der weißen Felder, die sich diagonal an das Ausgangsfeld anschlossen. An ihrem Bestimmungsort angelangt wurde sie wieder abgesetzt und drängte dort eine kleine, aber dafür auf dem Brett sehr häufige, Figur, den Bauern, aus dem Geschehen. Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen von Hinz, er lehnte sich zurück, betrachtete dabei entspannt seinen Gegenüber und war sich sicher, einen guten Zug gemacht zu haben.
Nachdem Hinz seine Figur losgelassen hatte, machten sowohl Kunz als auch Schulz ein sehr erschrockenes Gesicht und verfielen sofort in tiefes Grübeln. Nach einigen Minuten zeichneten sich auf der Stirn von Kunz tiefe Falten ab, dabei faßte seine Hand des öfteren in seinen Bart, ohne aber lange dort zu verweilen. Scheinbar war er mit der entstandenen Situation überhaupt nicht zufrieden.
Auch Schulz wurde unruhig, blickte jetzt immer öfter zu Kunz hinüber, aber sprach nach wie vor kein Wort. Scheinbar hatte er etwas sehr wichtiges entdeckt. Doch nichts ließ erkennen, ob Schulz nur über die Lage von Kunz so unruhig wurde oder ob er noch andere Gründe hatte.
Daß es aber noch andere Gründe gab, sollte sich gleich zeigen, denn nun war Kunz an der Reihe und bewegte, mit einer für diese Zeit fast noch eleganten Handbewegung, seinerseits eine der Figuren. Aber noch bevor nun wieder Hinz in tiefes Grübeln verfallen konnte, starrte Schulz auf das Brett, blinzelte einige Male ungläubig. Er konnte nicht glauben was er da eben gesehen hatte und fragte die Spieler dann: "Ist das Euer Ernst ?"
Jetzt wurde er von zwei Seiten gemustert, seine Blicke wanderten zur Seite, beäugten dabei die Kontrahenten, verstand erst jetzt wohl wirklich was sich hier abspielte. Dann ergänzte er mit fester Stimme: "Wenn Ihr ernsthaft weiterspielen wollt, müßt Ihr die letzten Züge zurücknehmen!"
Nun wurden auch die bis dahin unbeteiligten Personen des anderen Tisches aufmerksam und kamen heran. Außer den immer noch fragenden Blicken und verdutzten Gesichtern von Hinz und Kunz, konnten sie aber keine Besonderheit feststellen. Neugierig blieben sie stehen und verfolgten das weiter Geschehen.
Hinz und Kunz waren in ein langes Nachdenken gesunken. Hinz enthielt sich dabei jedes Kommentars und seine Blicke pendelten zwischen dem vor ihm stehenden Brett mit all seinen Figuren und seinem Nebenmann Schulz hin und her. Der Blick von Kunz war starr auf diese Tafel gerichtet, dabei brummte er ab und zu und einmal meinte man sogar die Worte "und wat" verstanden zu haben. Aber keiner schien mit der Frage von Schulz auch nur das Geringste anfangen zu können.
Als nun Schulz sah, wie sich von allen Seiten hilflose Blicke auf ihn richteten, beugte er sich etwas vor und zog den letzten Zug von Kunz zurück. Danach glitt seine Hand an die Figur von Hinz, setzte ein breites Grinsen auf und stellte auch diese auf das Ursprungsfeld.
Sofort zeigte sich nun auch auf den Gesichtern unserer Personen am Rande ein verstehendes Lächeln, hatte doch Hinz in seinem Zug eine Figur einfach übersprungen, was nun aber überhaupt nicht den Regeln entsprach, denn schließlich spielte man ja Schach und kein Hallenhalma. Es ist nämlich einem Läufer nicht erlaubt über eine andere Figur zu springen. Nun wäre ein falscher Zug oder das Übersehen der Regelwidrigkeit zu dieser Stunde alleine noch kein hinreichender Grund für diese Geschichte, aber was nun kam stellte einfach alles in den Schatten.
Hinz und Kunz verfielen wieder in ihre Denkerposen und jeder der beiden schien verzweifelt zu überlegen, warum da nun etwas nicht gestimmt hatte. Je länger diese Situation anhielt, desto mehr merkte man, wie alle Personen, außer Hinz und Kunz natürlich, versuchten ein offenes Lachen zu unterdrücken. Die beiden ratlosen Spieler gaben sich alle Mühe, Licht in die Situation auf dem Brett zu bringen, das sah ihnen wirklich an. Aber beide schienen an diesem Abend oder besser so tief in der Nacht von totaler Schachblindheit befallen zu sein.
Aber plötzlich ging ein Zucken durch das Gesicht von Hinz, nun hatte auch er verstanden. Er winkte mit seiner Hand ab, beugte den Kopf zu den beiden neben ihm stehenden Personen des anderen Tisches herüber und verzog den Mund zu einem breiten Grinsen.
Kunz bemerkte die Reaktion von Hinz, versuchte daraufhin seine Gedankengänge nochmals zu vertiefen, brach aber dann seine vergeblichen Bemühungen ab und richtete hilfesuchende Blicke an die Umstehenden. Erst jetzt gab sich Schulz einen Stoß und beendete das Trauerspiel, indem er auch Kunz auf diese kleine Regelwidrigkeit von Hinz hinwies.
Nun hellte sich auch der Blick von Kunz auf. Er lehnte sich ganz zurück, stützte sich mit der einen Hand am Tisch ab, wedelte mit der anderen Hand ein paarmal leicht über dem Brett hin und her um allen unmißverständlich klar zu machen, daß sie sich über Lappalien aufregten. Dabei hörten alle Anwesenden ein langes und enttäuschtes "Ach, soooo !".
Hätte man nicht seine verzweifelten Versuche vorher gesehen, wie er immer und immer wieder hilflos das Brett betrachtete, man könnte meinen, er hätte diesen Fehler schon vor langer Zeit entdeckt und wäre nun enttäuscht, daß man wegen eines solchen winzigen Fehlers ein solches Aufheben machte.
Aber damit brachte er das Faß zum Überlaufen, denn mit solch einer Reaktion hatte nun wirklich keiner gerechnet und alles, von Kunz einmal abgesehen, bog sich vor Lachen. Er machte gute Miene zum bösen Spiel und ertrug das Gelächter mit einem säuerlichen Lächeln.
Der Abend war gelaufen, denn keiner konnte sich noch so richtig konzentrieren. Das Spiel wurde zwar noch beendet, aber das Ergebnis dieses Kampfes ist schon längst vergessen, nicht aber die Geschichte drumherum.
So war es damals - an einem Freitag - nach Mitternacht - im Schach!