aus der Clubzeitung 1994

Das Pfälzer Dreigestirn

von Dr. Hermann Weißauer

Das pfälzische Problemschach hat eine lange Tradition und kann mit Stolz auf eine Reihe bekannter Komponisten verweisen. Drei der bedeutendsten - von großmeisterlichem Rang - seien kurz vorgestellt:

P. A. Orlimont

(Dr. Ernst Krieger)

8.6.1867 - 22.4.1943

Geboren in Wolfstein (bei Kaiserslautern) verlebte er den größten Teil seiner Jugend in Kirchheimbolanden. Nach dem Abitur in Zweibrücken studierte er Jura in Heidelberg, München und Erlangen und ließ sich schließlich 1923 in Zweibrücken als Rechtsanwalt nieder. Er starb im 76. Lebensjahr in Landau/Pfalz.

Dr. Krieger war ein hochgebildeter Mann, der auf dem Gebiet der Antike, der Philosophie und besonders der Mathematik tiefe Kenntnisse besaß.

Schon auf dem Gymnasium erwachte seine Liebe zum Problemschach, seine erste Aufgabe entstand 1886 - insgesamt dürften es an die 600 geworden sein, überwiegend Drei- und Mehrzüger. Die wichtigsten Anregungen dazu gaben ihm das "Indische Problem" von Kohtz & Kockelkorn sowie Bayersdorfer mit seinem Buch "Zur Kenntnis des Schachproblems".

Unter dem Pseudonym P.A. Orlimont (Anagramm aus den Buchstaben des ihm von seinen Mitschülern wegen seiner Klugheit verliehenen Spitznamens "Plato minor") legte er 1905 im Deutschen Wochenschach im Artikel "Allerlei von Kunstgesetzen" sein "Glaubensbekenntnis" nieder: Freiheit von jeder Doktrin, anstelle der alten Kunstgesetze sollen jetzt bestimmend sein die drei Grundsätze "Idee, Logik und Zweckreinheit".

Später trat Orlimont mit einer Fülle von Anregungen und neuen Ideen an die Oeffentlichkeit; hervorheben könnte man das sog. Mausefallenthema, den parakritischen Zug, das Kegelaufsatzturnier sowie drei mit seinem Namen verbundene Problemthemen.

Seine Kompositionen lassen sich keiner Stilrichtung zuordnen, oft wird er wegen seines Einfallsreichtums mit Loyd verglichen. Viele kühne Ideenstücke begründeten seinen Ruhm als herausragenden Vertreter der neudeutschen Schule; daneben hat er für weniger kundige Löser eine große Zahl pointierter Rätsel geschaffen, die sich in diversen Tageszeitungen wiederfinden.

Als treues Mitglied seines Schachvereins Zweibrücken hat er das Klubleben ungemein bereichert - und mit seinem finten- und fallenreichen Stil seinen Gegnern oft schwer zugesetzt.

P.A. Orlimont

Franz Sackmann

12.7.1888 - 22.2.1927

Geboren in Brannenburg (Kreis Rosenheim, Obb.), nach Studium an der TH München berufstätig in Esslingen, Charlottenburg und Kaiserslautern, wo er im Eisenwerk zum Oberingenieur und Prokuristen aufstieg. Er erreichte nur ein Alter von 38 Jahren, da ihn eine Grippe hinwegraffte.

Schon früh fand Sackmann zum Schachspiel; seine besondere Liebe galt aber dem Problemschach, wo er in zwei Dezennien (ab 1906) Außerordentliches geleistet hat. Die größten Anregungen verdankt er den Vorkämpfern der neudeutschen Schule Kohtz & Kockelkorn sowie Meister Fritz Köhnlein aus Nürnberg.

Sein Gebiet waren Drei- und Mehrzüger sowie die Endspielstudie. Die Zahl seiner Aufgaben (über 300, davon ca. 1/3 Endspiele) kann man als klein bezeichnen, dafür besaßen sie jedoch eine hervorragende Qualität: scharfe Idee, blendende Konstruktion, meist schwieriger Lösungsverlauf.

Gleichzeitig zeigte sich bei ihm eine außergewöhnliche schriftstellerische Begabung: Schon als 17jähriger Student war er Mitarbeiter beim Akademischen Monatsheft für Schach, redigierte dann den Problemteil der Süddeutschen Schachblätter (ab 1908) und der daraus hervorgegangenen Deutschen Schachblätter (bis 1911). Bereits nach einjähriger Mitgliedschaft wurde er vom Akademischen Schachklub München zu seinem Präsidenten gewählt; an dessen berühmter, 1911 erschienenen Festschrift hatte er maßgeblichen Anteil.

Aufgrund seines scharfen Verstandes, tiefgründiger Sachkenntnis und selbstkritischer Einstellung war Sackmann trotz starker beruflicher Belastung befähigt, seine vielfältigen Aufgaben zu meistern.

Auch heute noch bedeutet es einen besonderen Genuß, einen Aufsatz von ihm über ein Problem- oder Endspielgebiet nachzulesen (z.B. "Die Bauernumwandlung in T oder L als Studienidee" im Teplitz-Schönauer Kongreßbuch 1922). Mit seinen Aufgaben beteiligte er sich an vielen Turnieren mit großem Erfolg: So errang er z.B. im Problemturnier des Deutschen Schachbundes 1923 in allen Abteilungen (2-,3-,4-Züger) den ersten Preis. Für besondere Verdienste erhielt er 1924 die Medaille des Deutschen Schachbundes - eine seltene Auszeichnung.

Auf seinen Hauptgebieten gestaltete Sackmann seine Vorwürfe so vielseitig, daß man von einem eigentlichen Lieblingsgebiet nicht sprechen kann. Bescheiden in seiner Art hielt er viele seiner Werke nicht der Veröffentlichung wert. Einer seiner Ideen ist als "Kombination Sackmann" in die Problemtheorie eingegangen.

Auch im Partiespiel besaß er beachtliche Stärke und spielte im Schachklub Kaiserslautern meist am zweiten Brett.

Franz Sackmann

Theodor Nissl

21.1.1878 - 16.2.1972

Geboren in Freising (Obb.) war er als Professor für Mathematik und Physik von 1904 bis 1920 (mit zweijähriger Unterbrechung 1906-1908 in München und Passau) an den Gymnasien in Kaiserslautern und Frankenthal tätig. 1920 wurde er nach Weißenburg (Bayern) versetzt, hat aber seine freundschaftlichen Beziehungen zur Pfalz und speziell zu Kaiserslautern, von wo seine Ehefrau stammte, aufrecht erhalten. Nissl starb im gesegneten Alter von 94 Jahren in einem Altersheim in Bad Neustadt/Saale.

Nissl war eng mit dem Aufschwung der neudeutschen Schule verbunden, die entscheidenden Impulse für seine Arbeiten erhielt er in der Pfalz. So berichtete er 1963 in der "Schwalbe": "Meine Kompositionstätigkeit verdanke ich sehr günstigen Umständen. In Kaiserslautern lernte ich einen der besten Meister der neueren Schule kennen, P.A. Orlimont. Wohl hatte ich mich schon früher mit der Problemkunst beschäftigt, aber er ist es gewesen, der mich mit den wichtigsten Grundsätzen des Problemwesens "Idee, Zweckreinheit, Oekonomie der Mittel" eindringlich belehrte, der mich anregte, mich selbst im Komponieren zu versuchen. Wieder hatte ich Glück, gleich mit dem ersten Versuch einen guten Griff zu machen, fand die Anerkennung von Orlimont und Frh.v.Holzhausen, kam mit folgenden Aufgaben in Verbindung mit dem Ak. Schachclub München, dann auch in brieflichen Verkehr mit den Meistern Kohtz & Kockelkorn und ebenfalls in Kaiserslautern fand ich meinen unvergeßlichen Freund Sackmann..." Später waren es dann vor allem Prof. Halumbirek, Dr. Zepler und Dr. A. Kraemer, die ihm weitere, entscheidende Anregungen gegeben haben.

Nach seiner Maxime "Mit wenig Mitteln viel darstellen" war Nissl immer bemüht, möglichst einfache Fassungen zu erzielen. Sein Stil kommt daher oft in die Nähe der Studie, und es ist auch nicht verwunderlich, daß er keine Zweizüger, nur wenige Dreizüger, dafür überwiegend Mehrzüger komponiert hat (Schwerpunkt Fünf- bis Siebenzüger).

Sein Lebenswerk umfaßt etwa 150 Aufgaben, auch ein Problemthema ist mit seinem Namen verbunden. Mit großer Bescheidenheit schrieb Nissl 1962: "Die Anzahl der von mir geschaffenen Probleme ist nicht besonders groß, doch ich will zufrieden sein, wenn nur weniges aus dem Wenigen Geltung behalten sollte."

Theodor Nissl

Ludwigshafen im Februar 1994
Hermann Weißauer