aus der Clubzeitung 1994

Lieblingsprobleme

von Franz Pachl

Wohl jeder Komponist hat sein Herz an ein paar seiner eigenen Schöpfungen verloren. Mir geht es da nicht anders. Welche von meinen ca. 200 Zweizügern zu meinen Lieblingen zählen, werden Sie gleich sehen.

Da wäre Nr. 1, nach Wochen mühseliger Arbeit an Hlas Ludu (eine Zeitschrift in der damaligen CSSR) gesandt und im Dezember 1978 abgedruckt. Im Gegensatz zum Preisrichter fand ich das Problem toll, auch deshalb, weil ich mich noch als Problemschachneuling fühlte und anfangs zweifelte, daß mir eine korrekte Darstellung gelingen würde. In 4 Phasen (jede mit anderer Drohung) gibt es auf die Themavarianten D*c4/D*e5 jeweils Mattwechsel, in der Fachsprache ein Vierphasen-Mattwechsel mit 2 Varianten, das sieht man nicht alle Tage.

Die Idee zu Nr. 2 kam mir beim Studium von Herbert Ahues' Broschüre "Weiße Linienkombinationen mit thematischen Verführungen". Besonders angetan war ich von der sogenannten "Lewmann-Verteidigung", hier in 3 Varianten zelebriert. Zieht der Be2, droht Tf2# (öffnet die Linie der Dame a5 und schließt die Linie des Läufers h4 zum Themafeld e1). Schwarz verteidigt durch Verstellung der noch maskierten Linie a5-e1 auf b4 (Lewmann-Parade). Je nachdem, wie der wB zieht, pariert Schwarz dementsprechend. 1. e*d3? und der sTd4 ist entlastet und kann auf b4 verstellen (2. L*d3?), 1. e3?, nun zieht der Sc2 nach b4 (2.Se3?), 1. e*f3? und Schwarz beordert seine Dame von f8 nach b4 (2. T*f3?). Nur nach 1. e4! behindert Weiß sich nicht selbst. Das Bäuerlein hat seine 4 Zugmöglichkeiten voll ausgeschöpft, das heißt im Problemchinesisch "Albino". Daß die stärkste weiße Figur hier nur in die Fußstapfen eines Läufers tritt, störte weder mich noch den Preisrichter. Durch die lockere Konstruktion und die originelle Themenverbindung (Albino und Lewmann) gehört Nr. 2 zu meinen Lieblingen.

Ein Dreiphasen-Mattwechsel mit 3 Varianten zeigt 9 verschiedene Matts und ist ebenfalls schwer darzustellen. Meine Nr. 3 kommt mit nur 15 Steinen aus und beschäftigt alle weißen Figuren in jeder Phase. Aufgepaßt:

"Drei ist die Zauberzahl dieser Schachlegende", schrieb Preisrichter Fritz Hofmann bei der Beurteilung meiner Nr. 4 in seinem Bericht. Und weiter: "Die schwarze Dame bewacht die weiße an drei Stellen; die Schlüsselfigur bewirkt auf drei Feldern weiße Selbstbehinderung; drei Fesselparaden der Dame treten dabei widerlegend auf; eben diese drei Verteidigungen lassen in der Lösung schließlich je eine Mattdeckung im Stich. Damen in Opposition bei Meidung weißer Selbstbehinderung - ein reicher Inhalt mit hohem problemschachlichem Wert!" Nr. 5 ist eine Gemeinschaftsaufgabe mit Jens Künzelmann, meinem Brieffreund aus Heidenau bei Dresden. Ich hatte endlos lange versucht, dieses Problem korrekt zu kriegen, aber Fehlanzeige. Ich kam einfach nicht auf den Trick mit der Fesselung des sSe7, um den wK am Betreten des Feldes g6 zu hindern. Ebenso versuchte ich immer, mit einem sT das Feld f2 zu blocken und der ließ sich seltsamerweise nicht so gut einsperren wie eine Dame, die man auf g1 postiert. Als ich nicht mehr weiter wußte, schickte ich die Stellung an Jens, der das Problem wunderbar vollendete. Königsverführungen als Vorausselbstfesselungen, das gab es schon, neu war hier die Eindeutigkeit der Königszüge und die einheitliche Nutzung als Block. Einfach großartig, wie Jens das gemeistert hat. Nr. 6 zeigt das in den letzten Jahren sehr in Mode gekommene Le-Grand-Thema, das man so beschreiben kann: In einer Verführung droht Matt A, auf die Parade X folgt Matt B. In der Lösung droht Matt B, auf die Parade X folgt Matt A. Da sich dieses paradoxe Thema nur auf eine Themavariante beschränkt, baut man meist noch Mattwechsel ein. Den Rekord hält möglicherweise mein 14-Steiner mit vier zusätzlichen Mattwechseln. Sollten meine Zeilen Ihr Interesse für's Problemschach nur ein bißchen geweckt haben, hat sich meine Mühe bei der Erstellung diese Beitrags mehr als bezahlt gemacht.