Nachdem Holmes und ich den überaus schwierigen Fall der Familie Musgrave gelöst hatten, gönnten wir uns etwas Entspannung. Wir fuhren nach Hastings, wo die stärksten Schachspieler der Welt gegeneinander antraten. Der amtierende Weltmeister Lasker war zu sehen, Steinitz, der den Titel 28 Jahre lang innehatte, ebenso Tarrasch, Tschigorin, Blackburne, Bird und viele andere Meister des königlichen Spiels.
Ein junger, kaum bekannter Amerikaner namens Pillsbury hatte es mit
Tarrasch, Laskers großem Widersacher, zu tun. Tarrasch hatte seine Bauern
am Damenflügel schon bedrohlich weit vorangetrieben. Doch der Amerikaner
sah seine Chance im Königsangriff.
44.Dg3+ ! K:h6 45.Kh1 ! Weiß kann -scheinbar in aller Ruhe- die g-Linie
freiräumen. Jetzt rächt sich, daß Schwarz all seine Figuren auf dem
Damenflügel konzentriert hat. Sie können nicht mehr rechtzeitig zur
Verteidigung des Königs heraneilen.
45...Dd5 46.Tg1 D:f5. Schwarz vermeidet zunächst das Matt, verliert aber
die Dame. 47.Dh4+ Dh5 48.Df4+ Dg5 49.T:g5 f:g5 50.Dd6+ Kh5
51.D:d7 c2 52.D:h7 matt.
Der alte Steinitz hatte zwar seinen Titel verloren, nicht aber seinen
Biss. In einer Partie gegen Bardeleben gelang ihm folgende, geradezu
geniale Kombination.
22.T:e7+ ! Kf8. Weder Dame noch König dürfen sich an dem Turm vergreifen.
22...D:e7 23.T:c8+, 22...K:e7 23.Te1+ Kd6 24.Db4+ Kc7 25.Se6+ Kb8
26.Df4+. Die entstandene Stellung sieht zunächst für Weiß wenig
vertrauenerweckend aus, da alle seine Figuren angegriffen sind. Wie sich
indes zeigen wird, hat Steinitz sämtliche Konsequenzen bis zum Schluß
exakt durchgerechnet.
23.Tf7+ ! Der Turm ist nach wie vor tabu. Nach diesem Zug kündigte
Steinitz ein Matt in elf Zügen an, worauf sein Gegner entsetzt aus dem
Saal flüchtete, um später seine Aufgabe durch einen Boten zu übermitteln.
Als mittelmäßigem Kaffeehausspieler, der ich nun einmal bin, fiel es mir
nicht leicht, die Gedanken des großen Meisters zu durchschauen.
»Meine Güte, Holmes!«, rief ich erstaunt. »Wie ist es möglich, elf Züge im
voraus zu sehen?«
»Mein lieber Watson«, erwiderte er. »Sie mögen mich zwar für einen großen
Detektiv halten, aber hier bin sogar ich sprachlos.«
Wir ließen uns am Rande des Turniers zu einer Tasse Tee nieder, um uns die
Sache genauer anzusehen. Und tatsächlich fand Holmes nach einiger Zeit den
Gewinnweg - mit meiner Unterstützung, wie ich in aller Bescheidenheit
hinzufügen möchte.
23...Kg8 24.Tg7+ ! Auf 24...Kf8 geschieht 25.S:h7+, und wenn 24...Kh8, so
25.T:h7+ Kg8 26.Tg7+ ! Kh8 27.Dh4+ K:g7 28.Dh7+ Kf8 29.Dh8+ Ke7
30.Dg7+ Ke8 31.Dg8+ Ke7 32.Df7+ Kd8 33.Df8+ De8 34.Sf7+ Kd7
35.Dd6 matt !
»Das war einer unserer schwierigsten Fälle, Holmes«, meinte ich, nicht
ohne ironischen Unterton.
»Sie übertreiben, Watson«, Holmes tat einen tiefen Zug aus seiner Pfeife.
»Aber ich denke, wir sollten uns in Zukunft doch wieder der Bekämpfung der
Kriminalität widmen.«
Am Nebentisch fiel mir die Partie zweier Amateure auf, Mr. Coole und Earl
Beach.
»Schauen Sie nur, Holmes«, stieß ich meinen Begleiter an. »Coole brütet
schon seit Minuten über seinem Zug. Er kann auf drei Weisen mattsetzen,
sieht es aber nicht. Statt dessen spielt er die lange Rochade!«
»Sie haben recht, Watson«, sagte er. »Dieser Coole scheint wirklich kein
sehr guter Spieler zu sein. Was mir aber ins Auge sticht, ist die
Tatsache, daß im Verlauf der Partie offenbar eine Figur vom Brett gefallen
ist und danach falsch aufgestellt wurde.«
Wieder nach London zurückgekehrt, sprach ich ihn abermals darauf an.
»Ich bin immer wieder verblüfft über Ihre Gedankengänge, Holmes. Jetzt
endlich weiß ich, was Sie gemeint haben. In dieser Stellung darf Weiß
eigentlich gar nicht rochieren!
Vermutlich hat Earl Beach, der für seine trickreiche Spielweise bekannt
ist, eine Figur vom Brett geworfen und eine andere eingesetzt. Wenn man
den Turm auf h3 durch einen Springer ersetzt, ist die Sache wieder in
Ordnung.«
»Mein lieber Watson, sie enttäuschen mich«, machte Holmes meine
Erwartungen zunichte. »Sehen Sie denn nicht, daß auch mit einem Springer
auf h3 die Rochade unzulässig ist?«
Ich war am Boden zerstört. Das Problem ließ mir nun keine Ruhe mehr und
nach weiteren drei Tagen hatte ich endlich die Lösung. Ich konnte es
nicht erwarten, sie meinem geschätzten Freund beim Frühstück mitzuteilen.
»Wenn der Turm auf h1 gestanden hat, statt auf h3«, platzte ich heraus,
»dann ist die Rochade zulässig!«
»Bravo, Watson!« rief er. »Nachdem Sie das Unmögliche ausgeschlossen
haben, sind Sie auf die Wahrheit gestoßen, so unwahrscheinlich sie auch
klingen mag.«
Jahre nach dieser Geschichte -ich hatte mich schon lange zur Ruhe gesetzt-
erfuhr ich, daß es einen Enkel von Mr. Coole nach Berlin verschlagen
hatte. Man sagt, auf der Familie laste ein eigenartiger Fluch: sie sollte
niemals einen guten Schachspieler hervorbringen, so sehr sie sich auch
bemühten. Lediglich ein gewisser Kühlpowski brachte es zum Meister der
U-Bahn-Station Alt-Mariendorf und wurde Sekundant des Grafen Linstroem.
Earl Beach hingegen kam als Hofgärtner des englischen Königshauses zu
großem Ansehen.
Das Turnier, welches 1895 in Hastings stattfand gilt übrigens heute noch
als eines der stärksten Schachturniere aller Zeiten. Pillsbury gewann vor
Tschigorin und Lasker. Es war sein erster Auftritt bei einem
internationalen Turnier und gleichzeitig der größte Erfolg seines Lebens.
Steinitz beendete sein Leben in geistiger Umnachtung. Er schlug Gott einen
Wettkampf vor, bei dem er ihm einen Zug und einen Bauern vorgeben wollte!
Das Ergebnis ist mir nicht bekannt...
Um Ihnen die Sache nicht ganz so schwer zu machen (wer besitzt schon den Scharfsinn eines Sherlock Holmes), ein paar Tips:
Lösungen bitte hier abgeben.
Zu gewinnen gibt's nix, außer der unbezahlbaren Ehre, hier verewigt zu werden:
| Löser |
| Ralf Bingger |
| FM Fabian Mäser |
| Rainer Grobbel (ohne Brett!) |
| Philippe Schnoebelen |
| Jörg Varnholt (auch ohne Brett) |
| Thierry Le Gleuher |
| Otto Janko |
»Ich geb's auf, bitte schicken Sie mir die Lösung«.