[Vereinszeitung 1998 - von Peter Schäfer]

Sherlock Holmes und das Rätsel von Hastings


von Arthur Conan Schäfer


Nachdem Holmes und ich den überaus schwierigen Fall der Familie Musgrave gelöst hatten, gönnten wir uns etwas Entspannung. Wir fuhren nach Hastings, wo die stärksten Schachspieler der Welt gegeneinander antraten. Der amtierende Weltmeister Lasker war zu sehen, Steinitz, der den Titel 28 Jahre lang innehatte, ebenso Tarrasch, Tschigorin, Blackburne, Bird und viele andere Meister des königlichen Spiels.

Ein junger, kaum bekannter Amerikaner namens Pillsbury hatte es mit Tarrasch, Laskers großem Widersacher, zu tun. Tarrasch hatte seine Bauern am Damenflügel schon bedrohlich weit vorangetrieben. Doch der Amerikaner sah seine Chance im Königsangriff.
  44.Dg3+ ! K:h6 45.Kh1 ! Weiß kann -scheinbar in aller Ruhe- die g-Linie freiräumen. Jetzt rächt sich, daß Schwarz all seine Figuren auf dem Damenflügel konzentriert hat. Sie können nicht mehr rechtzeitig zur Verteidigung des Königs heraneilen.
  45...Dd5 46.Tg1 D:f5. Schwarz vermeidet zunächst das Matt, verliert aber die Dame. 47.Dh4+ Dh5 48.Df4+ Dg5 49.T:g5 f:g5 50.Dd6+ Kh5 51.D:d7 c2 52.D:h7 matt.

Der alte Steinitz hatte zwar seinen Titel verloren, nicht aber seinen Biss. In einer Partie gegen Bardeleben gelang ihm folgende, geradezu geniale Kombination.
  22.T:e7+ ! Kf8. Weder Dame noch König dürfen sich an dem Turm vergreifen. 22...D:e7 23.T:c8+, 22...K:e7 23.Te1+ Kd6 24.Db4+ Kc7 25.Se6+ Kb8 26.Df4+. Die entstandene Stellung sieht zunächst für Weiß wenig vertrauenerweckend aus, da alle seine Figuren angegriffen sind. Wie sich indes zeigen wird, hat Steinitz sämtliche Konsequenzen bis zum Schluß exakt durchgerechnet.
  23.Tf7+ ! Der Turm ist nach wie vor tabu. Nach diesem Zug kündigte Steinitz ein Matt in elf Zügen an, worauf sein Gegner entsetzt aus dem Saal flüchtete, um später seine Aufgabe durch einen Boten zu übermitteln.
  Als mittelmäßigem Kaffeehausspieler, der ich nun einmal bin, fiel es mir nicht leicht, die Gedanken des großen Meisters zu durchschauen.
  »Meine Güte, Holmes!«, rief ich erstaunt. »Wie ist es möglich, elf Züge im voraus zu sehen?«
  »Mein lieber Watson«, erwiderte er. »Sie mögen mich zwar für einen großen Detektiv halten, aber hier bin sogar ich sprachlos.«
  Wir ließen uns am Rande des Turniers zu einer Tasse Tee nieder, um uns die Sache genauer anzusehen. Und tatsächlich fand Holmes nach einiger Zeit den Gewinnweg - mit meiner Unterstützung, wie ich in aller Bescheidenheit hinzufügen möchte.
23...Kg8 24.Tg7+ ! Auf 24...Kf8 geschieht 25.S:h7+, und wenn 24...Kh8, so 25.T:h7+ Kg8 26.Tg7+ ! Kh8 27.Dh4+ K:g7 28.Dh7+ Kf8 29.Dh8+ Ke7 30.Dg7+ Ke8 31.Dg8+ Ke7 32.Df7+ Kd8 33.Df8+ De8 34.Sf7+ Kd7 35.Dd6 matt !

»Das war einer unserer schwierigsten Fälle, Holmes«, meinte ich, nicht ohne ironischen Unterton.
  »Sie übertreiben, Watson«, Holmes tat einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. »Aber ich denke, wir sollten uns in Zukunft doch wieder der Bekämpfung der Kriminalität widmen.«
  Am Nebentisch fiel mir die Partie zweier Amateure auf, Mr. Coole und Earl Beach.
  »Schauen Sie nur, Holmes«, stieß ich meinen Begleiter an. »Coole brütet schon seit Minuten über seinem Zug. Er kann auf drei Weisen mattsetzen, sieht es aber nicht. Statt dessen spielt er die lange Rochade!«
  »Sie haben recht, Watson«, sagte er. »Dieser Coole scheint wirklich kein sehr guter Spieler zu sein. Was mir aber ins Auge sticht, ist die Tatsache, daß im Verlauf der Partie offenbar eine Figur vom Brett gefallen ist und danach falsch aufgestellt wurde.«

Wieder nach London zurückgekehrt, sprach ich ihn abermals darauf an.
  »Ich bin immer wieder verblüfft über Ihre Gedankengänge, Holmes. Jetzt endlich weiß ich, was Sie gemeint haben. In dieser Stellung darf Weiß eigentlich gar nicht rochieren!
  Vermutlich hat Earl Beach, der für seine trickreiche Spielweise bekannt ist, eine Figur vom Brett geworfen und eine andere eingesetzt. Wenn man den Turm auf h3 durch einen Springer ersetzt, ist die Sache wieder in Ordnung.«
  »Mein lieber Watson, sie enttäuschen mich«, machte Holmes meine Erwartungen zunichte. »Sehen Sie denn nicht, daß auch mit einem Springer auf h3 die Rochade unzulässig ist?«
  Ich war am Boden zerstört. Das Problem ließ mir nun keine Ruhe mehr und nach weiteren drei Tagen hatte ich endlich die Lösung. Ich konnte es nicht erwarten, sie meinem geschätzten Freund beim Frühstück mitzuteilen.
  »Wenn der Turm auf h1 gestanden hat, statt auf h3«, platzte ich heraus, »dann ist die Rochade zulässig!«
  »Bravo, Watson!« rief er. »Nachdem Sie das Unmögliche ausgeschlossen haben, sind Sie auf die Wahrheit gestoßen, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag.«

Jahre nach dieser Geschichte -ich hatte mich schon lange zur Ruhe gesetzt- erfuhr ich, daß es einen Enkel von Mr. Coole nach Berlin verschlagen hatte. Man sagt, auf der Familie laste ein eigenartiger Fluch: sie sollte niemals einen guten Schachspieler hervorbringen, so sehr sie sich auch bemühten. Lediglich ein gewisser Kühlpowski brachte es zum Meister der U-Bahn-Station Alt-Mariendorf und wurde Sekundant des Grafen Linstroem. Earl Beach hingegen kam als Hofgärtner des englischen Königshauses zu großem Ansehen.
  Das Turnier, welches 1895 in Hastings stattfand gilt übrigens heute noch als eines der stärksten Schachturniere aller Zeiten. Pillsbury gewann vor Tschigorin und Lasker. Es war sein erster Auftritt bei einem internationalen Turnier und gleichzeitig der größte Erfolg seines Lebens. Steinitz beendete sein Leben in geistiger Umnachtung. Er schlug Gott einen Wettkampf vor, bei dem er ihm einen Zug und einen Bauern vorgeben wollte! Das Ergebnis ist mir nicht bekannt...



Und nun die Frage an Sie: Viel Spaß beim Knobeln!


Um Ihnen die Sache nicht ganz so schwer zu machen (wer besitzt schon den Scharfsinn eines Sherlock Holmes), ein paar Tips:


Lösungen bitte hier abgeben.
Zu gewinnen gibt's nix, außer der unbezahlbaren Ehre, hier verewigt zu werden:

Löser
Ralf Bingger
FM Fabian Mäser
Rainer Grobbel    (ohne Brett!)
Philippe Schnoebelen
Jörg Varnholt    (auch ohne Brett)
Thierry Le Gleuher
Otto Janko

»Ich geb's auf, bitte schicken Sie mir die Lösung«.


Man sollte erwähnen, daß die Form dieser Geschichte von Raymund Smullyan und seinem Buch The Chess Mysteries of Sherlock Holmes inspiriert wurde.

Mehr zum Thema Retroanalyse finden Sie in Phillipe Schnoebelens
Retro Corner.
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